Der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson ließ heimlich Mikrophone in seinem Vorzimmer installieren. Er wollte wissen, was Gesprächspartner über ihn sagten, bevor sie ins Präsidentenzimmer gebeten wurden. Existiert die Moral, die so ein Verhalten für unzulässig erklären würde, überhaupt noch?

Wir werden verdrahtet, verkabelt, in jedem Supermarkt von Fernsehkameras überwacht; wir unterhalten uns in einer "Neusprache", die von Abkürzung lebt: BKA, MAD, BAFöG, KSZE, JVC, BTX, SS 20, sind Begriffe, mit denen man jederzeit umgehen können sollte. In Amerika ist man noch einen Schritt weiter. Die Sprache selbst wird reduziert: "U-R-Here! Motel 4-U" soll heißen: "You are here! Motel for you." Nicht nur das "Neusprech" ist die einzige Sprache der Welt, deren Wortschatz von Jahr zu Jahr kleiner wird, auch bei uns gibt es kulturbehördliche Beschlüsse, wonach der Wort,,schatz" der deutschen Gymnasiasten nicht unter 500 Vokabeln sinken dürfe.

Die Kriege der Supermächte werden längst nicht mehr auf ihren eigenen Terrains ausgetragen, sondern in entfernten Gebieten Südamerikas, Asiens oder Afrikas. Soweit wir wissen, wird die Geschichte zumindest in einigen kommunistischen Ländern des öfteren umgeschrieben: Über Stalin liest man dort heute anderes, als zu seinen Lebzeiten, was in Ungarn und in der Tschechoslowakei während der Aufstände geschah, davon weiß man in diesen Ländern fast nichts.

Eben diese Zustände werden in George Orwells Roman "1984" auch geschildert, und deshalb ruft so manch einer gerne, wenn er von neuen Techniken, neuen Datenspeicherungen oder Ähnlichem hört. "Ach, 1984! wir leben ja schon wie bei Orwell." Die utopische Zukunftsprophezeiung wird zur Parabel unserer tatsächlichen Existenz, "1984" zur gängigen Metapher für die Grundangst unserer Epoche.

Dabei hat Orwell in seinem Roman nicht die Unmenschlichkeit der Technik beschrieben, sondern die Bedrohung durch Schrecken und Schmerz, die von Menschen ausgeht. Das zerstörerische Element in "1984" sind keine technischen Apparaturen, sondern die Mitleidlosigkeit der Machthaber, die unerbittlich körperlich und seelisch foltern, um die Persönlichkeit ihrer Untergebenen zu zerstören. "Macht bedeutet, Schmerz und Demütigungen zufügen zu können. Macht bedeutet, den menschlichen Geist zerpflücken und dann nach eigenem Gutdünken in neuer Gestalt wieder zusammensetzen zu können." "Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf ein Gesicht tritt – unaufhörlich."

Doch davon sind wir ja noch ein Stückchen entfernt. Jedenfalls in Mitteleuropa. Wer sich dessen noch mal versichern möchte, dem sei Orwells traumatische Zeitbetrachtung "1984" empfohlen, in der glänzenden Neuübersetzung von Michael Walter. Durch Walters sinnliche, selbstverständliche, greifbare Sprache, die sich an der heutigen Umgangssprache, dem heutigen Sprachduktus orientiert, verliert der Roman an Fiktion und gewinnt an Aktualität. So klingt die bekannte Drohung: "Der große Bruder sieht dich", nun stärker wie die Ermahnung für böse Kinder, "Der liebe Gott sieht alles", als vorher, wo es hieß: "Der große Bruder sieht dich an." Walter hat sich seine Sprache gleich von der nächsten Ecke geholt, und damit macht er "1984" 1984 nicht nur aktueller, sondern auch spannender denn je.

Unter dem Titel "Orwells Jahr" hat Dieter Hasselblatt Aufsätze und Betrachtungen über Orwells Roman und seine Zeit und über uns und unsere Zeit zusammengestellt, die witzigere und aufschlußreichere Gedanken präsentieren, als man sie zu diesem Thema erwartet; meint doch inzwischen jeder, noch die banalsten und allgemeinsten Ideen zum aktuellen Geschehen würden geistvoll, wenn man sie nur unter "Orwell" subsumieren könnte. Alle, die auch nur ein kleines bißchen mehr über Orwell und uns erfahren möchten, finden zur Frage "Ist die Zukunft von gestern die Gegenwart von heute?" anregende Überlegungen von Autoren (Manfred Bieler, Edward Teller, Gert Westphal, Günter Kunert) oder auch nur das schlicht ergreifende Berliner Graffito: "Angst allein macht noch nicht glücklich." Der polnische Philosoph Kolakowski untersucht unter anderem, wie totalitär "totalitäre Herrschaft" in der Praxis sein kann – und zeigt, daß die Legitimation der Diktatur in der Tat ohne Orwellsche Umwertung von Lüge und Wahrheit nicht möglich wäre.