Als „preußischer Erzengel“ hing eine lebensgroße Puppe mit Schweinskopfmaske unter der Decke des Berliner Kunstsalons Otto Burchard. Die Puppe trug Feldgrau, und die „Erste Internationale Dadamesse“ vom Juli 1920 hatte ihren Skandal. Die Reichswehr zog vor Gericht, aber auch die „Rote Fahne geißelte die „Frechheit“. Die Puppe stammte von John Heartfield und von Rudolf Schlichter, der im Jahr zuvor aus dem beschaulichen Karlsruhe in die Stadt seiner Träume von „glänzenden Verbrechen und geheimnisvollen Lastern“ gekommen war.

Derselbe Rudolf Schlichter schrieb drei Jahrzehnte später, „daß nur der dem herz- und kopflosen Taumel einer kranken Zeit entrinnt, der in sich seine Mitte wiederfindet; jene Mitte, die sein Anteil am Göttlichen in der Welt ist.“ Von der Kunst seiner Aufbruchszeit sprach er als einer „Zerstückelungsästhetik, die sich zum Drahtverhau eines dürren Formalismus entwickelt“ habe. Er selbst malte seit dem Krieg in einem blassen Surrealismus.

Rudolf Schlichter, eine deutsche Künstlerbiographie, widersprüchlich und gebrochen wie die deutsche Geschichte. Ein rundes Dutzend seiner Arbeiten aus den zwanziger Jahren ist gut bekannt und war auf allen einschlägigen Ausstellungen der letzten Jahre von Paris bis Minneapolis zu sehen. Das Gesamtwerk aber, das fast fünf Jahrzehnte umspannt, ist bis heute nicht erschlossen.

Die umfängliche Retrospektive, die die Berliner Kunsthalle schon im Anschluß an ihre Schad-Ausstellung 1980 plante, mußte wegen Rechtsstreitigkeiten um den Nachlaß jahrelang verschoben werden. Die 500 Katalognummern, die jetzt zusammengekommen sind, lassen eine Mammutschau befürchten, doch verlieren sich in den weiten Fluren der Kunsthalle nur knapp 30 Gemälde unter 90 Aquarellen und 250 Zeichnungen.

Ob vollständig oder nicht, die Ausstellung erweitert die Kenntnis des Schlichterschen Werkes, aber eine Neubewertung fordert sie nicht. Schlichters Werk beginnt im Grunde mit der Übersiedelung nach Berlin. 1890 im württembergischen Calw geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, entflieht er der drückenden Enge der festgefügten Kleinstadt in Phantasten von Wildwest und Erotik. Nach der soliden Ausbildung an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule und bei dem gemäßigt fortschrittlichen Karlsruher Akademiker Trübner gründet er die Gruppe „Rih“ als Ableger der Berliner Novembergruppe. In Berlin, dem „Zentrum der Kunst gegen das Spießertum“, findet er sich sofort bei der politisch direktesten Variante der Dada-Bewegung um Heartfield und Grosz.

Wie eine Variante zu Grosz wirken auch seine Arbeiten. Als Illustrator während der goldenen Jahre der Buchherstellung bis zur Inflation von 1923 verdient er seinen Lebensunterhalt. Auf der Dada-Messe zeigt er noch die verlorengegangene Collage „Phänomen-Werke“ ganz im Sinne der Dada-Devise „Es lebe die Maschinenkunst Tatlins!“ Kühl und präzise, mit Gliederpuppen, leeren Fensterrechtecken und geometrischen Versatzstücken zeigt sich das aseptische „Dada-Dachatelier“, eine großartige Einzelleistung neben den zahlreichen Zeichnungen und Aquarellen aus der Berliner Demi-Monde, die Schlichters eigentliches Thema ist. Er ist kein Gesellschaftskritiker, und Pfaffen und Bourgeois bleiben Versatzstücke neben den eigenen Obsessionen von Lust und Qual und Stiefelfetisch. „Lustmord“ und „Tingeltangel“, bei anderen Künstlern der zwanziger Jahre Chiffren der zerrissenen Weimarer Gesellschaft, bleiben für Schlichter Augenblicke individueller Befreiung. Als „Grünfressender Mann“ hat er den eigenen Künstlerberuf zwischen Rausch und Ekel porträtiert.

Das politische Engagement für die „Rote Gruppe“, den „Knüppel“ und natürlich die ASSO, der Schlichter wie Grosz 1928 mehr pflichtgemäß beitrat, findet in meisterhaft knappen Porträtzeichnungen wie dem „Arbeitslosen Kellner“ und den „Neuen Herren (Im Parteilokal“ seinen Ausdruck. Die Gemälde der Jahre der Stabilisierung nach 1925 gelten Literaten und Intellektuellen wie Brecht und der Weigel, Kisch und Graf, aber schwanken zwischen Naturalismus und Neuer Sachlichkeit. In den Bildnissen des Bruders Max und der Mutter geht er wie Dix den Weg über bloße Repräsentationsmalerei zum Altdeutschen.