Daß man Menschen, die einen goldenen Ahorn im Herbst gesehen haben oder eine Birke im Rauhreif, vorrechnen muß, was Bäume als Staubfänger, Sauerstofflieferanten und Schallschlucker leisten, ist ein Thema für Psychiater und Anthropologen."

Die Sprache der Autoren ist deutlich, die Bild-Dokumentation zu diesem Umweltbuch hervorragend –

Dieter Wieland, Peter M. Bode, Rüdiger Disko (Hrsg.): "Grün kaputt – Landschaft und Gärten in Deutschland"; Raben Verlag, München; 214 S., 28,– DM.

Texte und Bilder dieses kommentierten Photo-Bandes sind Zusammenfassung der Ausstellung "Grün kaputt", die im Münchner Stadtmuseum gezeigt wurde: ein ausgezeichnetes Begleitbuch, dessen Titel die Wut und Ohnmacht spiegelt, die den sensiblen Betrachter stammeln lassen angesichts der Zerstörung und Ausräumung der Landschaft. Jährlich werden in der Bundesrepublik 60 000 Hektar Landschaft "verbraucht". Das heißt: betoniert, asphaltiert, unfruchtbar gemacht. Eine Fläche von der Größe des Bodensees.

Die Autorenbeiträge geben keine romantisierende Überhöhung des Naturgedankens, wollen Natur weder idealisieren, noch ideologisieren. Ohne Larmoyanz werden Beispiele und Gegenbeispiele gezeigt. Die eindrucksvollen Texte sind von Forstsachverständigen, Ärzten, Journalisten, engagierten Umweltschützern verfaßt. Jean Jacques Rousseau und Goethe sind in die Text-Sammlung aufgenommen worden. Das Aufbegehren gegen menschliche Zerstörungswut beginnt nicht erst im zwanzigsten Jahrhundert. "Ich möchte toll werden, ich könnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat," schreibt der junge Werther an Wilhelm voller Empörung über die abgeschlagenen Nußbäume im Pfarrhof. Ich, der ich mich vertrauern könnte, wenn so ein paar Bäume in meinem Hofe stünden, und einer davon stürbe vor Alter ab, ich muß zusehen..."

Nicht mehr zusehen, sondern aufrütteln, wollen die Verfasser der Artikel dieses Dokumentationsbandes. Sie appellieren vor allem an Vernunft und Gespür der jungen Generation, die für die Probleme der Zukunft mehr Verantwortungsgefühl zeigen als die sogenannten zuständigen Fachleute: Politiker, Bürokraten, Wirtschaftler. Viele Nichtfachleute sehen die verheerenden Folgen der katastrophalen Doktrin "Technik gleich Fortschritt", während die "Zuständigen" tatenlos die Plünderung der Natur geschehen lassen: Gewässermord, Moorvernichtung, Flurbereinigung, Einebnung, Kahlschlag. Gesetze und Verordnungen liefern den Freibrief dazu. In den letzten hundert Jahren schrumpften die Moorflächen in Deutschland um achtzig Prozent. Welcher Hobby-Gärtner macht sich bewußt, daß der Torfkonsum, an dem die Garten-Center sich dumm verdienen, verantwortlich ist für das Sterben der Moore? Elf Millionen Kubikmeter Torf schaufeln die gigantischen Fräsbagger jährlich in der Bundesrepublik aus den Mooren. Was in Tausenden von Jahren gewachsen ist, landet im Plastiksack, um dann im Betonkübel fürs städtische Anstandsgrün zu verschwinden. Welcher Freizeitgärtner hat auf der Schule gelernt, wie man selbst ein Kompostbeet anlegt und Humus herstellen kann? In welchen Lehrplänen wird dieses Thema Pflichtwissen? Herbstblätter und Gras landen im Stadtmüll statt in der Natur organisch zu zerfallen.

Wo gibt es noch unverfälschte Bauerngärten, anmutig, abwechslungsreich mit Blumen, Gemüse, Beerensträuchern bepflanzt? Das städtische Vorbild – Abstellplatz für Krüppelkoniferen, nacktrasierte Musterrasen, aus denen jedes Blümchen vertrieben wird – hat auch in ländlichen Gebieten trostlose Nachahmung gefunden. Bunte Blumen, Gemüse, Kräuter, müssen der Öde weichen. Vögel, Schmetterlinge, Käfer finden auf diesem Grün keinen Lebensraum. Stattdessen: Rustikalkitsch. Auf Leiterwagen oder ausgedienten Schlitten, wird ein bißchen Konservengrün dekoriert.