In den indianischen Survival-Schools, in denen es vor allem ums Überleben der Tradition geht, ist es an der Tagesordnung, daß ältere Stammesmitglieder in den Unterricht kommen und einfach erzählen, was sie wissen und weitergeben wollen. Dieser Art mündlicher Tradierung ist Adolf Hungry Wolf verbunden, auch wenn er Bücher schreibt.

Der ehemalige Geschichtslehrer aus Heidenheim ist vor Jahren in die kanadischen Rocky Mountains gezogen, hat eine Blood-Indianerin geheiratet und Aufnahme bei den Blackfoot gefunden. Seither sammelt und veröffentlicht er mit seiner Familie Material über traditionsbewußtes Indianerleben, zum Beispiel "Das Geheimnis des verborgenen Tales" (Mutter Erde Verlag, 1980); von seiner Frau Beverly ist bei Scherz "Das Tipi am Rande der großen Wälder" erschienen und von Vater und Sohn Okan bei Sauerländer nach "Der Rabe weiß, wo die Sonne wohnt – Wie ich eine indianische Familie bekam" jetzt der zweite Band seiner dreiteiligen persönlichen Aufzeichnungen –

Adolf & Okan Hungry Wolf: "Das Land, in dem es immer Sommer ist", übersetzt von Simon Werk; Verlag Sauerländer, Aarau, Frankfurt/am Main; 159 S., DM 28,–.

Man darf bei Wolf keine geschlossenen Abenteuer erwarten, er ist kein Karl May. Er hört auf die Erzählungen der Alten, beobachtet das Brauchtum, sucht die Relikte traditioneller Zeremonien und erzählt weiter. Sein Impuls ist, festzuhalten, was sonst für immer verloren wäre. Das geschieht ohne wissenschaftlichen oder künstlerischen Anspruch, aber sehr persönlich, auch in den Bewertungen.

Denn natürlich ist auch er ein Fremder. Das noch viel mehr auf dieser Reise mit seinem Sohn Okan, die ihn wegführt von seinem Stamm in "das Land, in dem immer Sommer ist", nach Neu-Mexiko und Arizona zu den Pueblo-Indianern. Da geht es ihm bei den verschlossenen Hopi nicht viel anders, als mir: Zufällig gerät man in eines der verfallenden Mesa-Dörfer und wohnt einem der wunderschönen Kachinatänze bei. Aber man darf nicht photographieren, weiß nicht, wo man stehen soll, ist neugierig und hat doch ein schlechtes Gewissen, daß man das heilige Ritual durch unwissendes Starren entweihen könnte. Die ebenso weisen wie beherrschten Hopi übersehen einen einfach. Und was in den Kivas, den streng bewachten unterirdischen Kulträumen vor sich geht, das verraten sie keinem (Verräter werden getötet): mir nicht und Adolf Hungry Wolf auch nicht.

Trotzdem enthält das Buch viel Wissenswertes (mit vielen Photos) über die sanften Lehmhütten-Indianer und erweitert damit für Jugendliche das Bild des "Indianers", zeigt, daß es nicht nur Waldläufer und Büffeljäger gab. Vor allem aber ist dieses ein Buch, das von der Wehmut über Verlorenes durchzogen ist, aber auch von der Hoffnung, daß etwas noch gerettet werden kann.

Denn daß wir das nötig haben, glauben jedenfalls die Hopi, in deren Prophezeiungen von den drei Weltbeben der "Weiße Bruder" im Osten keine schöne Rolle spielt: das erste Beben ging von einem Volk mit einem Kreuz aus (und meint die Deutschen und den Ersten Weltkrieg); das letzte Beben wird ausgehen von Menschen mit einem Aschenkürbis, und das könnte die Atombombe sein. Rudolf Herfurtner