Rechts die Niederlande, links die Bundesrepublik – dazwischen die Hürden der Bürokratie

Von Margrit Gerste

Das ist Herr van Haan, und er kommt aus dem Jenseits", stellt der drahtige kleine Mann mit dem schlohweißen Haar, den vielen Lachfalten im Gesicht und den lebhaften Gesten seinen behäbigeren Freund vor. Das Jenseits ist zwei, drei Kilometer entfernt und heißt Kerkrade, das Diesseits trägt den Namen Herzogenrath. Diesseits und jenseits, 12 Kilometer nördlich von Aachen gelegen, waren jahrhundertelang eins, bis ins Jahr des Wiener Kongresses. 1815 wurden die Bewohner des Städtchens in hie Preußen, da Niederländer eingeteilt, verwitterte Grenzsteine im nahen Wäldchen gleich hinter den vielen neuen Bungalows zeugen davon. Zwei Weltkriege brachten Bitterkeit und schier unüberwindbare Grenzen. Auch davon ist noch heute ein beredtes Zeugnis zu sehen: Aus den Wiesen von Herzogenrath ragt der Hitlersche Westwall.

Doch sollte da nicht vor nun rund zwei Jahrzehnten eine neue Geschichte begonnen werden, die Geschichte eines einigen Europas, eines Europas ohne Grenzen? Es ist bislang ein netter Vorsatz geblieben – was wütende Lastwagenfahrer vor ein paar Wochen veranlaßte, tagelang den Brenner zu blockieren, und was Kerkrader und Herzogenrathern tagtäglich Ärgerliches, Schikanöses und Absurdes einbringt.

Gerade hat der Kampf um Stimmen für die Wahl zum Europäischen Parlament am 17. Juni begonnen, und wieder bestreiten ihn Politiker quer durch die parteipolitischen Bänke mit den alten Hüten: Weg mit den Grenzkontrollen in der Europäischen Gemeinschaft. Je nach Temperament bewirkt das bei den Grenzbewohnern ein müdes Lächeln oder einen Zornesausbruch. Und die beiden älteren Herren aus dem Jenseits und dem Diesseits haben, wenn sie praxiserfahren und leidgeprüft von Europa reden, eine typische Handbewegung entwickelt: Es ist der Griff an den ergrauten Kopf, die Augen rollen gen Himmel, und sie rufen verächtlich oder belustigt: "Europäische Logik!"

Ein endloser Papierkrieg

Die Straßen ihrer Städtchen sind mit Zollamt, Grenzerhäuschen, Schlagbäumen, deutschen und holländischen Beamten gepflastert. Wer aber durch den nahen Wald spaziert oder über die Wiesen wandert, merkt gar nicht, ob, wann und wo er die Grenze überschritten hat. (Es sei denn, eine Streife taucht auf und kassiert 20 Mark.) Die Niederländer rechtfertigen ihre aufwendige Straßenbelagerung mit ihrer Angst vor deutschen Terroristen (tatsächlich ereignete sich genau an der Grenze zwischen Herzogenrath und Kerkrade die tödliche Schießerei zwischen Christian Klar und holländischen Grenzbeamten), die Deutschen wollen sich gegen Rauschgiftschmuggler schützen.