Präsident Reaga in China,

Von Matthias Naß

Ronald Reagan sprach in fremder Zunge. "Hu yong hu wei", verkündete er in der Großen Halle des Volkes: "gegenseitigen Nutzen und gegenseitigen Respekt" wünsche er sich für die amerikanisch-chinesischen Beziehungen. Li Xiannian, seit zehn Monaten Staatsoberhaupt der Volksrepublik China, hörte die freundlichen Worte gern. Harmonie gleich zum Auftakt des Besuches – das war ganz nach dem Geschmack des Gastgebers.

Mit Prunk und Pomp empfing Peking den amerikanischen Präsidenten. Nie zuvor hatte das kommunistische China soviel Aufwand getrieben für einen ausländischen Besucher. An Aufmerksamkeiten für den hohen Gast sollte es nicht mangeln. Zu groß war die Genugtuung der Chinesen, daß der eingefleischte Antikommunist Reagan den Weg nach Peking gefunden hatte, während er den Führern im Kreml bisher beharrlich aus dem Weg gegangen ist.

Dafür nahmen es die Chinesen auch gelassen hin, daß der Amerikaner seinen Auftritt am Tiananmen-Platz und auf der Großen Mauer als Medienspektakel inszenierte. Dreihundert Journalisten waren mit dem Präsidenten im Reich der Mitte eingefallen und sorgten dafür, daß den Fernsehzuschauern und Zeitungslesern daheim keine symbolträchtige Geste verborgen blieb, daß kein Satz ungehört verhallte. Im Herbst stehen in den Vereinigten Staaten Präsidentschaftswahlen an. Kühl setzten Reagans Wahlstrategen auf die Werbewirkung staatsmännischer Pose auf weltpolitischem Parkett, während gleichzeitig Walter Mondale und Gary Hart sich in der Provinz-Arena bei den demokratischen Vorwahlen zermürbten.

Reagan hatte den Zeitpunkt seiner Reise sorgfältig geplant. Kein Land fasziniert die Amerikaner mehr als China. Als die Kommunisten 1949 die Macht übernahmen, wurde die demokratische Regierung in Washington mit schweren Vorwürfen überschüttet, sie habe China für die freie Welt "verloren". Für Richard Nixon wurde seine historische Reise 1972 nach Peking, von Henry Kissinger in geheimer Mission vorbereitet, zum größten außenpolitischen Triumph seiner Amtszeit. Als Deng Xiaoping 1979 durch die Vereinigten Staaten wirbelte, war die Begeisterung der Amerikaner grenzenlos.

Die Euphorie der siebziger Jahre (Richard Nixon sprach 1972 überschwenglich von der "Woche, die die Welt verändert hat") ist allerdings abgeklungen; die allzu hoch gespannten Erwartungen zerschellten an der Wirklichkeit. Der Reagan-Besuch unterstrich jetzt, daß Chinesen und Amerikaner zu einem realistischen, fast geschäftsmäßigen Umgang miteinander gefunden haben.