Von Peter Rühmkorf

Für wen schreiben Sie? Wer, ich? Also im Zweifelsfall immer noch für die Handschriftensammlung im Marbacher Literaturarchiv, denn wer keine Nachwelt mehr vor sich weiß, der tut gut, sich beizeiten nach einem bombensicheren Liegeplätzchen umzusehen. Andererseits steht die Zeit natürlich nicht still. Kultfiguren auf ganzer Front anziehend, gefallene Engel im Aufwind, Funeralien und Totenmessen nochmals um einige Punkte höher notiert, Kursgewinne auch bei der "Neuen Körperlichkeit", "Neuen Selbstherrlichkeit", Hauptsache, einer ist noch drin im großen Verteiler, aber wie kommt er eigentlich hinein?

wenn ich gelegentlich ein Buch beendet habe und schon mein Angebot sortiere, um als klassischer Krauter über Land zu ziehen, gönne ich mir gemeinhin ein paar Wochen der Besinnung. Die Zeitungsablagerungen von einigen zwei, drei Jahren wollen gesichtet, die Sedimente stratigraphisch erfaßt werden und – Dunnerlittchen! – die weltbewegenden Wirbel der letzten Literaturepochen sind in den griesegrauen Absätzen kaum noch wiederzuerkennen. Syberbergs Hitlerminne – der Faulschlamm einer fast schon sagenhaften Anschlußbemühung. Achternbuschens verwackelte Bierkampf-Szenen nebst den mit ins Schlingern geratenen Presseverlautbarungen ("Da wird die mäandernde Kamerafahrt zur Sonde der dokumentarischen Recherche, zum Seismographen der Erschütterungen...") – grad noch eines sauren Aufstoßens wert. Thomas Braschens "Domino" ("Die lapidare A-Logik des Gedichts, seine Bilder geben Innenräume frei") – von einem Gedicht so weit entfernt wie von einem ernstzunehmenden Innenleben und für meinen Geschmack genau der passende Apokalyptusbonbon für den verwöhnten Endzeitkonsumer. Werner Herzogs vom Rückenwind sämtlicher Print- und Flimmermedien begleitete Kunstbemühung, einen Musikdampfer durch den peruanischen Urwald zu lotsen ("Ein wahnsinniges Projekt, eine wahnsinnig schöne Geschichte") – allenfalls für ein nostalgisches Standphoto gut.

Ich meine, man hat sich das doch alles einmal als geistige Herausforderung aufschwätzen lassen, als ein unabdingliches Must und Sinequanon, und was geblieben ist von der ganzen Börsenturbulenz ist nicht viel mehr als der Rückblick auf erwartungsvoll vertane Zeit und ergebnislos durchgescheuerte Hosenböden.

Daß wir eigentlich von literarischen Kunstwerken hatten sprechen wollen und nun unvermittelt zur Betrachtung filmisch aufgezogener Gedankenfetzen abgedriftet sind, hat mit einer obersten Aufmerksamkeitsregel zu tun, die Inszenierbarkeit heißt. Was von den Mittelspersonen der Kulturindustrie überhaupt zur Kenntnis genommen und in ein öffentliches Bewußtsein gehoben werden will, muß inszenierbar, heißt, muß von allen Seiten durchlässig und innerlich unerfüllt sein, denn kein höheres Ideal seitens unserer Blowup-Betriebe, als aus vollen Backen mitzublasen und der Dürftigkeit den Odem des Mirakulösen einzuhauchen.

Sehe ich die Sache von gehobener Warte, sprich von meinen Altpapierbergen aus, scheint die Erzeugung von Pressepartituren gar der eigentliche Zweck der zeitgenössischen Kunstbemühung. Offensichtlich hat sich der Tertiäre Sektor bereits in einem Maße verselbständigt, daß die Produktion den sinnstiftenden Teil ihrer Arbeit an das Dienstleistungsgewerbe abgetreten hat und das Dienstleistungsgewerbe seine demokratische Anzeigepflicht zunehmend mit Auslegungs-Equilibristik verwechselt, Geschäftsverbindungen, an denen wir von unseren Zuschauerbänken aus gar nicht rütteln können. Mögen wir gemeinen Klienten uns mißlaunig durch die groß angezeigten Sensationen öden, Hauptsache die Berufsbetrachter sind entzückt, und sie sind es – mein Wort als Zeitungsausschneider! – bis an den Rand des Überschnappens, so lange nur ein Leerraum zwischen den Zeilen, Hohlraum hinter der Leuchtwand ihnen den gewünschten Platz zum Hinterpretieren bietet.

Vor die Wahl gestellt, entweder am eigenen Kunstverstand oder an der Vertrauenswürdigkeit der Kritik zu zweifeln, möchte ich es lieber mit einer dritten Möglichkeit halten. Immerhin gibt es ja noch die Textbücher. Immerhin gibt es doch diese keineswegs beiläufig aufgemachten Lesetexte, die als Orientierungshilfe verstanden werden wollen und wo die Sprache noch ein Wörtchen mitzureden hat.