Aus dem hochglänzenden Programmheft zur ersten Tournee von Peter Hofmann als Rocksänger blickt uns das Gesicht des Helden nicht weniger als 29 (neunundzwanzig) Mal entgegen (die sechs Abbildungen von Plattenhüllen, die sein Konterfei ziert, nicht mitgezählt). Wir sehen Peter Hofmann zu Pferd, im Opernkostüm, im Gegenlicht mit strahlenumkränztem Blondhaar, im Holzfäller-Look, mit seiner Frau, selbige fotographierend, wie sie in wohlstandserotischer Pose auf dem Rolls Royce (Kennzeichen BT-PH 1) sitzt, den Kühlerengel zwischen den Schenkeln. Wir bewundern Peter Hofmann, wie er sich beim Training mit schweren Hanteln, beim Joggen, beim Radfahren auf die Strapazen der Tournee vorbereitet; er zeigt sich uns zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Ein Pfundskerl Immer schaut er heldisch drein, finster und sensibel zugleich. In seinen blauen Augen lauern Angriffslust und Verletzlichkeit.

Außer diesen bunten Bildern enthält das Programmheft ein paar Fotos von den Mitgliedern der Band, biographische Daten und Angaben über bedeutende Stationen von Hofmannns Karriere, redaktionell aufgemachte Werbung für den Sponsor der Tournee (einem namhaften Hersteller von Hifi-Geräten), weitere Inserate, Listen mit Danksagungen und den Tourneedaten und – das Programm. Man erfährt, aus welchem Repertoire Peter Hofmann sein Konzertprogramm auswählt, aber das ist auch schon alles. Es stehen gerade Mal die Titel da, aber keine Zeile darüber, wann sie entstanden sind, von wem sie stammen, was für eine Geschichte sie haben, wovon sie erzählen und warum es gerade diese Lieder sind, die sich der Sänger ausgesucht hat.

Aber das interessiert wohl sowieso niemanden. Das Programm bin ich, wird Peter Hofmann sich gedacht haben. Er hat recht: Es kann tatsächlich nur die Attraktivität dieses Sängers sein, die ein überwiegend älteres Publikum in seine "Rock-Konzerte" lockt. Die Leute wollen ihn sehen und hören, denn sie kennen und schätzen ihn als Opernsänger so sehr, daß sie sich von ihm sogar Lieder vorsingen lassen, die zu hören sie ihren Kindern früher verboten haben. Nun wird der "Radau" von damals plötzlich zum gesellschaftlichen Wust. Für die meisten Premierenbesucher in der Alten Oper in Frankfurt war die Frage nach der passenden Bekleidung für dieses Ereignis denn auch rasch beantwortet: Man gibt eben so, wie man immer zu Premieren geht – in großer Garderobe und mit frisch frisiertem Haar.

Da nutzt es wenig, daß Peter Hofmann beteuert, er selber besitze nur eine löchrige Krawatte, verabscheue Smokings, Friseure und vornehme Gesellschaften. Denn in genau eine solche war er hineingeraten. Er wird vielleicht gestaunt haben, wie viele gestandene Opernfans er auch für seine Rodt-Eskapaden gewinnen konnte, und möglicherweise war er enttäuscht, wie wenig wirkliche Jugend sich in sein Konzert verirrt hatte.

Daran sind nicht nur die happigen Eintrittspreise schuld, deren Höhe von 30 Mark für die billigen Plätze das Budget der meisten jungen Menschen übersteigen dürfte. Es ist eher ein verläßlicher Instinkt, der die Hörer heutiger populärer Musik fernhält: Sie wittern wohl das Museale, das dieser Veranstaltung eigen ist, und sie spüren sehr genau, daß dieses Abenteuer von Herrn Hofmann, als Wagner-Tenor von hohen Gnaden Rockmusik zu singen, für ihn vielleicht ein mutiges Wagnis, für sie aber ganz und gar nicht aufregend sein wird. Denn wenn sogar die Eltern sich an den Hofmannschen Interpretationen alter Rocksongs ergötzen, können die eigentlich nur schrecklich sein. Schließlich wußte man ja auch schon im voraus: Die beiden ungemein erfolgreichen Platten, die Peter Hofmann bislang mit Rock-Klassikern aufgenommen hat, unterscheiden sich in nichts von Durchschnittsäpfeln in einem deutschen Supermarkt. Sie sind äußerlich makellos, poliert, sauber, gleichförmig und absolut geschmacksfrei.

Die prächtige Langeweile, die sie verbreiten, der Schutz vor jeder Überraschung, den sie gewähren, und die Keimfreiheit, die sie garantieren, machen die Neuaufnahmen der alten Rocksongs für Hofmanns Publikum zu einer komfortablen Abenteuerreise durch die Sümpfe der Musik, zu einer luxuriösen Safari durch die staubigen Straßen, in denen Blues und Rock einmal entstanden sind. Die aus der E-Musik herübergekommenen Fans können sich an den getönten Scheiben die Nasen plattdrücken und glauben, das sei jetzt die sündige Welt der populären Musik. Sie naschen an den verbotenen Früchten, die ihnen der tapfere Hofmann aus dem – manche auch etwas lockenden – Schmutz gepflückt hat, in den sie sich aber selber nie wagen würden.

Nur: Rockmusik ist das, was Peter Hofmann da zwei Stunden lang vorführt, nicht, oder doch nicht mehr. Er hat den Straßenköter so lange gebadet, onduliert, parfümiert und mit rosa Schleifchen geschmückt, daß er jetzt glatt als Schoßhündchen durchgeht. Man muß natürlich nicht vor Dreck starren, um sich als authentischer Rock ’n Roller auszuweisen. Aber die Gründlichkeit, mit der das Reinheitsgebot anderer deutscher Exportartikel nun auch auf die Rockmusik angewendet worden ist, hat sie so stark entstellt, daß man sie kaum mehr wiedererkennt. So darf sich etwa der verfallene, triste Charme des Hurenhaus-Blues vom "House Of The Rising Sun" erst nach einer Zarathustra-reifen Ouverture offenbaren und können die Rights In White Satin" erst nach gewaltigen, dem zarten Thema wenig angemessenen Eruptionen heraufziehen. Alte, tausendmal gespielte Stücke, die in jeder Fibel für angehende Gitarristen zu finden und an jedem Lagerfeuer zu hören sind, so oft, daß eine Neubearbeitung tatsächlich naheliegt.