Wie wird ein Buch populär?" hat Friedrich Schlegel gelegentlich gefragt; die Antwort: "Zur Popularität gelangen deutsche Schriften durch einen großen Namen, oder durch Persönlichkeiten, oder durch gute Bekanntschaft, oder durch Anstrengung, oder durch mäßige Unsittlichkeit, oder durch vollendete Unverständlichkeit, oder durch harmonische Plattheit, oder durch vielseitige Langweiligkeit, oder durch beständiges Streben nach dem Unbedingten." Max Stirners "Der Einzige und sein Eigentum" ist populär geworden, unzweifelhaft aus dem letztgenannten Grund. Schlegel konnte sich dazu nicht mehr äußern. Er war schon fünfzehn Jahre tot, als das Buch erschien (1844 mit der Jahreszahl 1845). Es hätte ihn an die eigene Frühzeit erinnern können: "Lucinde" und den Aufstand gegen das Bürgerleben in Jena.

Übrigens war das Ansehen des "Einzigen" im Ausland meist größer als hier. Ein amerikanischer Verlag führt es bereits 1918 in einer exklusiven "library of the world’s best books". Jahr und Erscheinungsort sind hier allerdings vielsagend. Das Buch kann in Amerika als Zeuge einer anderen deutschen Denktradition angeführt werden als der katastrophensüchtigen, die eben gerade die Engführung von Langemarck passiert hatte, um das Absolute im Selbst-Opfer zu suchen. Das Unbedingte erhält in diesem ersten, dem einzigen klassischen Text des Anarchismus in deutscher Sprache die Form einer städtisch zivilisierten Lässigkeit. – "Eigentum ist ein Gedanke erst, wenn er mich nicht fanatisiert", heißt es dort. Solange ich unter der Gewalt von Gedanken stehe, bin ich meiner selbst nicht mächtig. Ich will auch gedankenlos sein dürfen. – Die Vorstellung der möglichen Konsequenzen dieses eigenartigen Ich-Willens zur Macht hat die Schulphilosophie schaudern lassen schon ehe Nietzsche auftrat, dessen Leser in Stirners Ich-Philosophie die Morgenröte von Sils Maria glühen sahen. Tatsächlich hatte bereits Stirner keinen Zweifel daran gelassen, daß nichts ihm heilig sei, denn Eigentümer seiner selbst wird sein Ich just durch eine radikale Profanierung: Jedes höhere Wesen über mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht erst in der Sonne dieses Bewußtseins. Stell’ ich auf mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und ich darf sagen: Ich hab’ mein’ Sach’ auf Nichts gestellt."

Alle Parolen, die je als Wechsel auf eine ideale Zukunft ausgestellt worden sind, fallen der Nüchternheit dieses Berliner Dandy zum Opfer, der die religiösen und geschichtsphilosophischen Visionen nach der Macht beurteilt, die sie über das Ich beanspruchen, stets Ansprüche von Gespenstern. "Wir sind allzumal vollkommen, und auf der ganzen Welt ist nicht ein Mensch, der ein Sünder wäre", stellt, er fest, um die unheilträchtige Verbindung von Verteufelung und Reinigungsritualen zu zerbrechen. Mit äußerster Empfindlichkeit spürt Stirner den drohenden Schrecken, wo irgend eine Gesellschaft Reinheit zu ihrem Ideal erhebt, sei es "des Geistes", "der Liebe", von "Menschlichkeit". Wer "den Menschen" über das Ich stellt, erfindet den Unmenschen.

Darauf hat er eigensinnig bestanden und mit wieviel Recht! Zur Zeit der Niederschrift des Buches hat in der Tat eine sehr genaue und unbestechliche Beobachtung dazu gehört, diese Drohgebärde des Ausschlusses nicht nur in der bürgerlichen Praxis im Umgang mit Abweichlern zu beobachten, sondern sie auch in den Humanitätsvorstellungen der (zeitgenössischen) Kommunisten wahrzunehmen: "Gehe die Toleranz eines Staates noch so weit, gegen einen Unmenschen und gegen die Unmenschlichkeit hört sie auf. Und doch ist dieser ,Unmensch‘ ein Mensch, doch ist das ,Unmenschliche‘ selbst etwas Menschliches, ja nur einem Menschen, keinem Tier möglich, ist eben etwas "Menschenmögliches‘. Obgleich aber jeder Unmensch ein Mensch ist, so schließt ihn doch der Staat aus, das heißt er sperrt ihn ein, oder verwandelt ihn aus einem Staatsgenossen in einen Gefängnisgenossen (Irrenhaus- oder Krankenhausgenossen nach dem ommunismus)."

Wie ist der Fall ausgegangen? Um gleich bei den zuletzt Angesprochenen zu bleiben: Marx und Engels wird Stirners Buch zum Anlaß der ausschweifendsten – und blindesten – Polemik, die sie überhaupt geschrieben haben. (Posthum 1903/04 von Bernstein veröffentlicht.) Daß Stirnen Philosophie mit dem gedankenlosen und arbeitsscheuen, egoistischen und treulosen, organisationsuntüchtigen kleinbürgerlichen Berliner Individualisten Johann Kaspar Schmidt (Stirners bürgerlicher Name) nicht nur anfängt, sondern angeblich historisch perspektivlos endet, provozierte ihre geballte Verachtung. Seine Rehabilitierung aller Worte mit dem Präfix "Eigen-" (Eigensinn, Eigenwille, Eigentum .. .) findet erst in aktuellen marxistischen Revisionen Resonanz.

Mit der Staatsmacht ausgestattet reagieren die herrschenden Klassen auf Stirners Herausforderung. Zwar hatte Stirner Revolutionen verworfen zugunsten einer Erhebung des Ich gegen alles, was es im Innern dem eigenen Ich entfremdet: "Die Revolution zielte auf neue Einrichtungen, die daraus entsprießen, die Empörung führt dahin, uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern uns selbst einzurichten und setzt auf ,Institutionen‘ keine glänzende Hoffnung. Sie ist ein Kampf gegen das Bestehende, da, wenn sie gedeihet, das Bestehende von selbst zusammenstürzt, sie ist nur ein Herausarbeiten meiner aus dem Bestehenden. Einrichtungen zu machen gebietet die Revolution, sich auf – oder emporzurichten heischt die Empörung." – Die Aussicht auf den Kollaps des Staates war freilich klar genug ins Auge gefaßt, so daß das Werk, kaum daß es ausgeliefert war, augenblicklich verboten wurde. Wenig später folgte die Freigabe. Der Inhalt sei "zu absurd", als daß er ernstgenommen werden könnte. Stirner durfte als Hysteriker die Zensur passieren. Er war ein geschickter Simulant. Privat blieb er gänzlich unauffällig: höflich, bescheiden, korrekt bis zur Pedanterie. Seine eigene Frau habe er nicht mehr berührt, seit sie sich ihm im Schlaf ohne Willen unbedeckt gezeigt, so hat er einem Freund anvertraut. Von ihm selbst besitzen wir kein Bild außer einer Umrißzeichnung, die Friedrich Engels von dem früh Befreundeten, nicht fünfzigjährig schon Gestorbenen aus dem Gedächtnis angefertigt hat: als gelte es eine Fahndung.

Gert Mattenklott

Gert Mattenklott lehrt neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Universität Marburg