Drei Erziehungskreise unterschied Erika Mann in ihrem Porträt der NS-Kindheit, das sie 1938 in der Emigration schrieb: Die altmodische Familie, deren Einfluß die Machthaber beschnitten, wo sie konnten; die Schule, bei der man auch nie ganz sicher war, daß nicht irg endwelche liberalen Lehrer den Kindern humane Flausen in den Kopf setzten; schließlich die Hitlerjugend, die allein linientreue Gesinnung garantierte. Der dritte Kreis sollte daher die beiden ersten schließlich ganz vereinnahmen, das sei das Ziel brauner Pädagogik und nur eine Frage der Zeit. Welch kurze Zeit, hat wohl selbst Erika Mann nicht geahnt. Schon ein Jahr später war Krieg und die Gelegenheit günstig die innere Gleichschaltung der "Garanten der Zukunft", so das Propaganda-Etikett für die Jugendlichen, entscheidend voranzubringen. Am 27. September 1940 verbreitete Martin Bormann den Führerbefehl zur "erweiterten Kinderlandverschickung (KLV)". Sechs Tage danach winkten die ersten Kinder ihren in den "Luftnotgebieten" zurückbleibenden Müttern zum Abschied zu, die ersten von fünf Millionen.

Fast jedes zweite deutsche Kind wurde bis Kriegsende von der KLV erfaßt. In erster Linie ging es dabei natürlich um den Schutz vor der alliierten Bomberoffensive. Nicht unwillkommen aber waren den NS-Erziehern die Nebeneffekte: Lösung der Kinder aus "verweichlichenden" Bindungen, Kasernierung der 10- bis 14jährigen in Lagern unter HJ-Aufsicht, effektivere Kontrolle der mitreisenden Lehrer, Abschirmung der Kleinen vor kirchlichem Einfluß usw. Wer bisher Näheres über diesen beispiellosen Kinder-Exodus aus Städten und Familien wissen wollte, der erhielt nur höchst karge Auskünfte in der wissenschaftlichen Literatur. Ein paar Einzelschicksale, Fußnoten, eine Dokumentation der Arbeitsgemeinschaft KLV. Nicht einmal als Lexikonstichwort kommt Kinderlandverschickung heute vor, obwohl – oder weil? – das Gros der jetzt 45- bis 55jährigen dabei war, die tonangebende Altersgruppe der Republik. Immer noch keine systematische Aufarbeitung, aber endlich ein lesbarer Überblick ist:

Claus Larass: "Der Zug der Kinder – KLV – Die Evakuierung 5 Millionen deutscher Kinder im 2. Weltkrieg"; Meyster Verlag, Manchen 1983,271 S. 34,– DM.

Lesbar ist eigentlich noch zu wenig gesagt. Der Journalist Larass, Jahrgang 1944, hat ein regelrecht spannendes Geschichtsbuch geschrieben oder genauer: zusammengestellt. Was nämlich packt, fesselt, das sind die gut ausgewählten und geschickt komponierten Tagebuchnotizen, Briefe, Augenzeugenberichte, Interviews, während die kommentierenden Überleitungstexte nicht selten zum Widerspruch reizen.

Wenig überzeugend ist die redaktionelle Betreuung: Kein Register hilft bei Rückfragen an schon Gelesenes, Quellenangaben fehlen nahezu ganz. Da werden Autoritäten zitiert: "ein englischer Soziologe". Wer? Wo? Kriterien der Dokumentenauswahl bleiben unerörtert, Grundlagen von Zahlenangaben dunkel. Umso ärgerlicher der hohe Preis. Hoffentlich gibt es bald eine Paperback-Ausgabe, die Versäumtes nachliefert und dem Buch die verdiente Verbreitung sichert. Denn nirgendwo läßt sich nationalsozialistischer Alltag besser studieren als in der Kinderwelt im Krieg. Larass hat dazu Material ausgebreitet, das Blicke durch den Propaganda-Dunst freigibt, der bis heute das Bild jener Jahre vernebelt.

Das fängt schon an beim Euphemismus "Landverschickung", der Sommerfrische suggeriert und Fürsorglichkeit, und verbündet sich schließlich mit der Jugend verklärenden Erinnerung der Beteiligten. Dagegen ruft das Buch Dokumente des Heimwehs auf, der Angst um die Angehörigen an der Front und in den Bunkern, zeigt die Deformierung der Kinderseelen durch den Familienverlust. Treffend sprach der Berliner Volksmund daher auch nur von "Kinderlandverschleppung". 1945 dann brachen die letzten Stützen dieser Kinder, barst der dritte, der "Nazi-Kreis" (Erika Mann), in dem sie zum Schluß allein noch aufgehoben gewesen waren. Wer diese Generation verstehen will, wird hier, bei diesem schweren Schlag für die aktive wie passive Vertrauensfähigkeit, ansetzen müssen.

Friedemann Bedürftig