Konstantin Christomanos: "Elisabeth von Österreich - Tagebuchblätter"

/ Von Nike Wagner

Wer hätte vermutet, daß eine enge Affinität besteht zwischen dem Schwarzalben unter den gegenwärtigen Kulturphilosophen, zwischen E. M. Cioran und der im Glanz ihrer Haar- und Kaiserinnenkrone schimmernden Elisabeth von Österreich? Wer hat gewußt, daß der Schwabinger Mysterienforscher Alfred Schuler das "Gefäß unvermischt kosmischer Feuer" in ihr erblickte und ihr sein "Innerstes", seine "Kaaba", Fragmente seines Werkes in Goldschrift auf Purpurtafeln, eingeschlossen in ein Tabularium, überreichen wollte? Sein Freund Klages berichtet darüber – Klages, der selber in ihrem Banne stand, in ihr sein Wunschbild von der "Amazone" verwirklicht sah. Ein anderer fin-de-siècle-Männerblick berauscht sich, mehr noch als an ihrer Schönheit, an ihrer Gebrochenheit: Maurice Barrès macht sie als "Kaiserin der Einsamkeit" in Frankreich berühmt. Ein kühlerer Kopf, der Kosmopolit und Schriftsteller Paul Morand bewundert die Anarchistin auf dem Thron, die den Untergang Habsburgs beschleunigen half.

Daß Sissy eine andere war als die Kult- und Kitschfigur, die die Poeten und Kinogänger aus ihr gemacht haben, wissen wir spätestens seit der Biographie Elisabeth Hamanns. Daß sie wiederum eine andere war als die dort so kenntnisreich Entzauberte, erfahren wir aus einem Buch, das die Quelle bildete für die Nachtansichten von Elisabeth, für die Leuchtfarben schwarzer Hagiographie, in denen die genannten Autoren, Cioran eingeschlossen, Sissy verstanden und geschildert haben – die "Tagebuchblätter" Konstantin Christomanos’ aus dem Jahr 1898. Der junge Grieche war von der über 50-jährigen Kaiserin als Vorleser engagiert worden, avancierte aber bald zu einem ihr demütig und zärtlich Vertrauten, zu einem Seelen-Eckermann. Er durfte bei den endlosen Frisierstunden dabeisitzen, durfte sie auf den ebenso endlosen Spaziergängen und unentwegten Reisen begleiten, er störte ihre Einsamkeit nicht; und so hören wir Elisabeths Not und Trauer, ihre Regressionsträume, aber auch ihre Ironie fast authentisch – klar geführte Hauptstimme inmitten einer zeittypisch überinstrumentierten Stimmungsmalerei. Keine "andere" Elisabeth erscheint da, aber eine, deren Schwermut deutlicher und unheilbarer als in jedem anderen Dokument zutage tritt.

Christomanos’ Tagebuch ist nach dem bewährten Rezept des Matthes & Seitz-Verlages ediert, halbverschollene Texte von damals den Röntgenblicken heutiger Diagnostiker vorzulegen. Dabei geht es aber nur vordergründig um die Aktualität vergangener Gedanken, vergangener Figuren. Die alten Texte sind Prätexte zu neuen Texten, wobei die Schlüssel des Verständnisses gleich zweimal gedreht werden: Der Interpret stellt sich im Medium des Interpretierten selber dar. Das gilt für die Herausgeberin Verena von der Heyden-Rynsch und ihr einfühlsames Einleitungskapitel nicht weniger als für Cioran.

Elisabeths Melancholie etwa begreift Cioran, im Unterschied zu allen psychosomatischen Erklärungen, als eine Form des gegenstandslosen Unglücks, als existentielle Disposition. Nicht die vielen Schicksalsschläge, die sie trafen, lösten ihre spezifische Todes- und Fatalitätsgewißheit aus, sondern jedes reale Unglück bestätigte nur ihre ursprüngliche Einstellung. Ein Leben der self fulfilling prophecy.

Aktualität und Besonderheit Elisabeths hängen damit zusammen. Während sie, mit dem eisernen Willen der Desillusionierten, festhielt an ihrer privaten Illusion "Schöheit", trieb Altösterreich, ebenso glanzvoll, ebenso selbstbezogen, der Katastrophe zu. Ihre historische Rolle deckt sich auf unheimliche Weise mit ihrem individuellen Untergangsbewußtsein. In dem, was die Zeitgenossen für Exzentrik halten mußten, erkennt Cioran die symptomatischen Gesten des Zerfalls. Die Außenseiterin verdichtet sich zur Symbolfigur der Epoche, gegen die sie gelebt hat. Das hebt sie darüber hinaus: in der Kaiserin als dem "Sinnbild einer verdammten Welt" (Cioran) haben wir den neuen Mythos von Sissy.

"Elisabeth von Österreich – Tagebuchblätter von Konstantin Christomanos", herausgegeben von Verena von der Heyden-Rynsch, mit Beiträgen von E. M. Cioran und anderen; Matthes & Seitz, München, 1983; 208 S., Abb., 29,80 DM