Von Judy Redfearn

Die unheimliche Krankheit befiel in den letzten Jahren mehr als viertausend Amerikaner und 270 Europäer. Der bisherige Steckbrief der Seuche: Ursachen unbekannt; Früherkennung selten möglich; kausale (den eigentlichen Auslösefaktor angehende) Therapie unbekannt; gegenwärtige Sterblichkeit 60 Prozent; Ausbreitungstendenz weiter zunehmend.

Jetzt scheint sich das Geheimnis der "erworbenen Immunschwäche", kurz Aids genannt, nicht länger dem Ansturm wissenschaftlicher Neugierde entziehen zu können: Gleich zwei Forschergruppen glauben, die Ursache der Krankheit – ziemlich unabhängig voneinander – identifiziert zu haben. Und ihre Arbeit weckt Hoffnungen, daß die Entwicklung eines Impfstoffes möglich ist.

Aids wurde im Jahr 1981 erstmals beschrieben. Seitdem gibt es starke Hinweise, daß ein Partikel oder Erreger im Blut der betroffenen Menschen das Leiden überträgt. Zu den am stärksten gefährdeten Personen zählen Homosexuelle und Drogensüchtige sowie Bluter und andere Patienten, deren Wohlergehen von regelmäßigen Infusionen von Blut oder Blutprodukten abhängt (siehe nebenstehenden Bericht). Gesucht wurde eine Art mikrobiologischer Überträger. Nun melden ein französisches und ein amerikanisches Team, daß sie jeweils einen Virus-Typ isoliert haben, der ihrer Meinung nach auf irgendeine Weise für Aids verantwortlich sein muß.

Die amerikanische Gruppe um Robert Gallo von den Nationalen Krebsinstituten der Vereinigten Staaten in Bethesda vor den Toren Washingtons nennt den von ihr entdeckten Erreger "humanes T-Zellen-Leukämie-Virus, Typ III", kurz HTLVIII. Luc Montagnier und seine Kollegen vom Pasteur-Institut sowie vom Hôpital des Enfants Malades und Hopital Claude Beynard in Paris tauften den von ihnen gefundenen Überträger dagegen "Immunodefizienz-assoziiertes Virus", kurz IDAV-2. Beide Viren zählen zu einem primitiven Typ, im Fachjargon Retrovirus genannt (es besteht nicht aus DNA, dem Erbmolekül aller Lebewesen, sondern aus der nah verwandten Substanz RNA; der Name Retrovirus – etwa: "Umkehrvirus" – geht auf die Tatsache zurück, daß RNA eine Art spiegelbildliche Kopie der DNA ist). "Noch haben wir unsere Viren nicht miteinander verglichen", erklärt Montagnier. Er hält es jedoch für sehr wahrscheinlich, daß es sich um denselben Erreger handelt.

Beide Gruppen isolierten ihre Viren aus den T-Zellen von Aids-Patienten. Die zu den weißen Blutkörperchen zählenden T-Zellen spielen eine entscheidende Rolle bei der Abwehrreaktion des Körpers auf Infektionen. Unser Immunsystem arbeitet mit zwei Typen: Helfer-T-Zellen regen die Produktion von Antikörpern an, jene gegen bestimmte Fremdsubstanzen im Körper gerichtete Abwehrspezialisten des Immunsystems, während Suppressor-T-Zellen deren Herstellung unterdrücken. Gesunde Menschen besitzen etwa doppelt so viele Helfer- wie Unterdrücker-Zellen. Aids-Patienten weisen jedoch viel zu wenig Helferzellen auf. Ihr Immunsystem ist deshalb Sehr stark geschwächt, so daß sie sogenannten opportunistischen Infektionen zum Opfer fallen – ansteckenden Krankheiten, die nur bei solchen Gelegenheiten gefährlich werden.

Für Gallo war es nicht die erste Isolation eines T-Zellen-Virus. Sein bisher größter Triumph kam Ende der siebziger Jahre, als er entscheidend zur Identifizierung eines Virus beitrug, der eine in Japan und der Karibik verbreitete Form der Leukämie auslöst: das Retrovirus HTLV-I.