Von Ulrich Schiller

Washington, im April

Meinem Nachbarn schien es die Sprache zu verschlagen. Fassungslos sah er mich an; auf seiner schokoladenfarbenen Stirn zuckte es bedrohlich. "Aber er wird der Präsidentschaftskandidat sein", stellte er schließlich kategorisch fest und beschloß damit unser Gespräch, in dem ich zuletzt die Frage aufgeworfen hatte, ob Jesse Jackson auf dem Parteikonvent in San Francisco mit Walter Mondale oder mit Gary Hart gehen würde. Und es war dem Alten anzusehen, daß es ihm dabei nicht um taktische Erwägungen ging. Der Unterschied zwischen Begeisterung und Nichtbegeisterung ist der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage, sagte Jesse Jackson einmal.

Daran mußte ich auch denken, als der schwarze Kandidat der Demokraten mit der üblichen Verspätung endlich den Gemeindesaal betrat. Schlagartig war die Menge wie elektrisiert. Das bis dahin bürgerlich-ruhige Publikum des in aller Farbenfreude gekleideten schwarzen Mittelstandes sprang auf die Füße, auf Stühle und wacklige Tische. Ekstatische Schreie durchstießen den tosenden Jubel, der auch ein Hosianna hätte sein können. Frauen versuchten Jesse Jackson durch die Secret-Service-Bedeckung hindurch zu berühren. Mein Nachbar stieß mich schweigend, aber mit bedeutungsvoller Geste an. Wer konnte in einem solchen Augenblick an dem schwarzen Messias zweifeln?

Ergriffene Menge

Jesse aber, trotz des anstrengenden Wahlkampfes fröhliche Gelassenheit ausstrahlend, bestieg einen Stuhl und begann zu sprechen – ganz ruhig, fast nüchtern im Ton, doch bestimmt: "Vor 16 Jahren (damals war Martin Luther King ermordet worden) waren wir in tiefer Verzweiflung. Jetzt feiern wir Wiederauferstehung. Wir haben den Stein weggewälzt." Die Leute hängen an seinen Lippen, "That’s right", rufen sie. "Vor 20 Jahren haben wir Baumwolle gepflückt, jetzt entscheiden wir mit über den Präsidenten", fährt Jesse Jackson fort, was im Englischen freilich ganz anders klingt: "20 years ago we picked cotton, to-day we pick the president. "That’s right", antwortet es wieder aus der ergriffenen Menge.