Von Peter Jennrich

Ein Interview zu Aids? Gern. Beim Mittagessen sei etwas Zeit. Dann, zwischen ein paar Bissen, produziert die New Yorker Ärztin Polly Thomas im Juli 1983 präzis Schilderungen, Daten, Fragen, Zusammenhänge und einen Eindruck von der Energie, mit der Fahnder des amerikanischen Seuchen-Kontrollzentrums CDC in Atlanta (Georgia) die Lebensläufe der Opfer nach einem losen Fadenende im Ursachenknäuel der "erworbenen Immunschwäche" – kurz Aids – durchforsten: "Ich habe nur einen Zweijahresvertrag. Bis dahin müssen wir wissen, was es ist."

Es, das sind in Zahlen 4087 Menschen, zu siebzig Prozent homosexuelle Männer, dann Heroinfixer und Einwanderer aus Haiti, die allein in den Vereinigten Staaten an Aids leiden. 1758 von ihnen sind unterdes tot. In Europa sind 270 Aids-Fälle bekannt.

Seit Ostermontag scheint das Knäuel entwirrt. Der Erreger des mutmaßlich stets tödlich verlaufenden Leidens ist mit hoher Sicherheit bekannt. Es ist ein Virus (siehe nebenstehenden Bericht).

Die Grundlagen zu diesem seltenen Durchbruch in der medizinischen Grundlagenforschung, wie ein konkurriendes französisches Forscherteam neidlos anerkennt, legte der heute 47jährige amerikanische Virologe Robert Gallo. Als er 1982 zum Direktor der Abteilung für Tumorzellbiologie an den Nationalen Krebs-Instituten der Vereinigten Staaten avancierte, hörten seine Mitarbeiter als einleitende Worte: "Ich denke, wir lösen das Problem in zwei Jahren."

In diesem Stile motivierte Gallo seine rainbow coalition, wie das amerikanische Nachrichtenmagazin Time in einem exzellenten Bericht die aus vielen Ländern zusammengewürfelte Mannschaft des Virologen beschreibt. Gallo, der laut Time Arbeitsbesprechungen schon mal auf Fluren und Parkplätzen abhält, heuerte eine wissenschaftliche "Regenbogen-Koalition" an: Mikrobiologen aus Japan und Indien, Experten für Gewebskulturen aus Osteuropa, Genetiker aus der Volksrepublik China, ein Kliniker aus Dänemark.

Lieb Kind hat sich der Forscher mit alledem nicht unbedingt gemacht. "Wenige Leute mögen ihn", meint einer seiner Kollegen, "und entweder sie lieben ihn sehr oder gar nicht!" Was Wunder, sagt Gallo über Gallo: "Ich habe gekämpft, um ihnen zu zeigen, daß ich gut bin, denn ich komme ja nicht von Harvard." Den Eindruck hatten offensichtlich auch die Juroren, die Gallo 1982 den in den Vereinigten Staaten begehrten Alfred-Lasker-Preis zusprachen. Der gilt unterdes als ein gutes Omen für den Nobelpreis der Medizin.