Von Matthias Horx

Zusammen arbeiten, zusammen leben – unter diesem Postulat starteten die meisten Alternativ-Projekte. Doch entweder endete die Arbeit im Chaos oder das Kollektiv wurde zur allmächtigen Kontrollinstanz, die keine Ausbruche duldete. Gibt es keine andere Lösung als die Rückkehr zur Obrigkeitsstruktur?

Eigentlich dürfte ich es gar nicht weitererzählen. Neulich traf ich Manfred von der taz in einer Kneipe in Berlin. Ich fragte ihn, wie es denn nach der großen Krise im Winter um die Zukunft des größten Alternativprojektes der Republik bestellt sei. Nachdem er zunächst zehn Minuten auf das Chaos und den Streß, auf die "Weiberfraktion" und die "Setzerclique" geschimpft hatte, sagte er plötzlich: "Weißt du, im Grunde wäre es mir am liebsten, wir hätten einen Chef. Oder mehrere Chefs. Jedenfalls irgendwas, was Strukturen in diesen Laden bringt."

Seltsam: Das Alternativprojekt als Hort solidarischer Nächstenliebe, unentfremdeter Arbeit jenseits von Konkurrenz- und Leistungszwängen – dieses schöne Bild findet man nur noch in gutbezahlten Reportagen der "bürgerlichen Medien". Innerhalb der Projekte sieht es anders aus. Da herrscht ein permanentes Krisengefühl. Mancher Alternativprojektler steigt aus dem Ausstieg wieder aus, Macht sein liegengelassenes Examen nach – trotz der Gewißheit, danach arbeitslos zu sein. Andere gründen ihre eigene "Klitsche", eröffnen Boutiquen, Cafés, Weinhandlungen, Reise- und Steuerbüros, in denen der Ton zwar locker, die "Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel" aber klar, nämlich alles andere als kollektiv geregelt ist. Lösen sich die Alternativprojekte in ein der von Kleinunternehmern auf? Und haben damit diejenigen recht behalten, die schon Mitte der 70er Jahre, als die Projekte entstanden, den Verrat der kollektiven Moral durch neue "Geschäftsführermentalitäten" voraussahen?

So einfach scheint es nicht zu sein. Manfred zum Beispiel will ja nicht Chef werden, er fordert den Chef. Ein reaktionärer Anfall von Untertanenmentalität? Schlichte Resignation, Scheitern an zu hohen Ansprüchen?

Eben nicht. Es ist weniger das Scheitern als die Realisierung der Ansprüche, die oftmals die Krise der Projekte ausmacht. Manfred hat sich einen Traum erfüllt, der ihn einst aus seinem Beruf als Werbekaufmann aussteigen ließ: Er hat jetzt ein unentfremdetes Verhältnis zu seiner Arbeit, ein "Berufsethos". Er will intensiv schreiben, sich um die redaktionelle Gestaltung der taz kümmern, und er liebt sein Handwerk. Doch dafür läßt ihm das Projekt keinen Raum. 60 Prozent seiner Tätigkeit, so sagt er, geht für "kollektives Krisenmanagement" drauf, für alltägliche Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Fraktionen, für Intrigen und Plenumssitzungen, auf denen stundenlang: um einen Konsens gerungen wird. Dazu kommt das teilweise unvermeidliche Chaos einer Tageszeitungsproduktion, das in der taz durch mancherlei mangelnde Qualifikation und fehlende Arbeitsteilung verschärft wird. Wenn es ihm dann tatsächlich einmal gelingt, einen Text zu schreiben oder zu redigieren, den er für gelungen hält, ist die Chance ziemlich groß, "daß das Layout oder der Satz oder der Überschriftenmensch das Ding irgendwie verhunzt". Mit dem geringen Lohn von monatlich 1000 Mark könnte sich Manfred noch abfinden, nicht aber mit all den Abstrichen hinsichtlich der Qualität seiner Arbeit. Denn: "Wenn ich schon wenig Kohle verdiene, will ich wenigstens einen Sinn in meiner Arbeit sehen, will qualitativ gute Sachen machen – das würde mich schon genug entlohnen."

Gewiß: Die taz ist – so sagen viele – eigentlich zu groß, um noch selbstverwaltet funktionieren zu können. Aber auch in kleineren Gruppen entsteht über kurz oder lang dieser Konflikt zwischen individuellem Arbeitsethos und kollektivem Anspruch. Das Kollektiv wird zur Kontrollinstanz, zum Chefersatz, es fordert ständig soziale Energien, Sinndiskussion, Rücksichtnahme auf diejenigen, deren Qualifikation geringer ist. Manfred: "Immer, wenn ich journalistische Vorstöße mache, heißt es, das sei doch ‚professionalistisch‘, es ginge doch darum, die Gruppe – und nicht das Produkt – weiterzuentwickeln. Allmählich wird mir das Kollektiv scheißegal, jedenfalls solange ich nicht das machen kann, woran mein Herz hängt."