West-Berlin

Die Natur soll Einzug halten über den Häuptern der Berliner. Die Spatzen pfeifen es bereits vom Ökodach: Spitzwegerich, Dachrispe, Mauerpfeffer, klebriges Geiskraut, Natternkopf und flaches Rispengras sprießen auf Ziegeln und Schindeln. Berliner Naturschützer sind aufs Dach gestiegen, um zusätzliche Sauerstoffquellen zu erschließen; der Mief der Großstadt soll gelüftet werden.

Grasdächer haben Zukunft heißt es, werden doch gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sie sind grüne Farbtupfer in eintöniger Ziegel- und Betonlandschaft, wirken umweltfreundlich und sind auf Dauer billiger. Nicht länger mehr sammeln sich Regenpfützen auf Flachdächern, die häufige Reparaturen nötig machen. Die grüne Pelzmütze saugt Feuchtigkeit auf und isoliert gleichzeitig dank neu entwickelter Isoliermatten und Kunststoffschichten.

Mit dem Gründach hat man in Kassel von 1976 bis 1980 auf einem Freigelände Erfahrungen gesammelt, die nun in Berlin genutzt wurden. Das erste 7000 Quadratmeter große ökodach entstand auf einem Einkaufszentrum in Spandau.

Liegewiesen und Almen auf Häusern, mitten in der Großstadt, versprechen neue Lebensqualität. Nicht mehr "hinaus in’s Jrüne" hieße dann die Devise, sondern: himmelwärts, beispielsweise zur Kurfürstendamm-Alm. Ihre besondere Aufmerksamkeit richten die Naturschützer auf den vom Senat geförderten Dachstuhlausbau in Altbauten. Hier wollen sie mit ihren Plänen einhaken.

Das Grasdach ist keine neue Erfindung, vielmehr ist es ein alter Hut. Früher hieß es "Holzzementdach", weil seine unterste Schicht aus Holzzement bestand. Darauf Teerpappe, Kies, mit Erde vermischt, und Gras. Nachteil: Im Sommer dörrten die Lagen aus und im Winter gefroren sie. Schlesische Bauarbeiter brachten den Grünschopf bereits 1872 nach Berlin. Nach der Jahrhundertwende gab es zweitausend Gründächer, fünfzig davon haben Krieg und Sanierung überlebt. Es gibt sie heute noch in Kreuzberg, Neukölln und Schöneberg; teilweise sind sie in schlechtem Zustand wegen unsachgemäßer Pflege. Zwar muß die Wiese nicht gemäht werden, aber wird sie undicht, sind Teerpappe und Kies zu erneuern. Die neuen Ökodächer sind strapazierfähiger als die alten und nahezu pflegeleicht.

Aber nicht nur den Dächern will man in Berlin zu Leibe rücken, auch monotone Graufassaden sollen kuscheligen Grünpelz veipaßt bekommen. Nach Meinung der Fachleute sind Kletterrosen, Geißblatt, Knöterich, Glycinien und Kletterhortensien für Westseiten geeignet, Efeu und Brombeere dagegen für die Ostwände. Und wer im Herbst ernten will, baue echten Wein und Spalierobst an.