Heftiger Streit um die Konservierung von Lebensmitteln

Von Carl Graf Hohenthal

Der Deutsche Verbraucher-Schutzverband fürchtet Schlimmes: Die Menschen sollen "durch radioaktiv behandelte Lebensmittel zur Endlagerstätte der Atomindustrie werden", warnen die Verbraucherschützer in einem Flugblatt. Das ist eine maßlose Übertreibung. Der Verband spekuliert auf die Angst der Konsumenten vor dem Atom und damit auch vor der Behandlung von Lebensmitteln mit ionisierenden Strahlen. Er möchte verhindern, daß auch in der Bundesrepublik Nahrungsmittel durch Gammastrahlen haltbar gemacht werden.

Was der Verband als "Einfall der findigen Atomlobby" bezeichnet, ist so neu nicht. Bereits 1959 wurden von einer Stuttgarter Firma Lebensmittel radioaktiv bestrahlt, um Mikroben in Gewürzen abzutöten. Aber im neuen Lebensmittelgesetz wurde dieses Reinigungsverfahren verboten. "Das Bestrahlen oder Inverkehrbringen von Bestrahltem" wird seitdem bestraft. Die Industrie griff daraufhin wieder zur Chemie. In Kartoffeln, Gewürzen, Getreide und anderen empfindlichen Nahrungsmitteln tötete Gas schädliche Bakterien und Mikroben und verhinderte das Keimen. Hierbei bewährte sich besonders Äthylenoxid, ein Giftgas, das der Bonner Ernährungswissenschaftler Professor Konrad Pfeilsticker für "toxikologisch ausgetestet" hält. Pfeilsticker plädiert – mit Ausnahmen – weiter für diese Art der Konservierung von Lebensmitteln; etwas Besseres sei noch nicht gefunden.

Giftgas verboten

Die Bundesregierung freilich entschied anders: Sie verbot das Giftgas, nachdem der Bundesgesundheitsrat im Oktober vergangenen Jahres das Äthylenoxid als krebserregend bezeichnet hatte. Seitdem ist das Thema Bestrahlung wieder auf dem Tisch.

Einige Unternehmen warten schon auf Ausnahmegenehmigungen Sie wollen vor allem Gewürze mit Radioaktivität reinigen. Aber das Bundesgesundheitsministerium hält sich noch zurück, wohl aus Angst vor der öffentlichen Meinung. Die Wähler, so fürchten die Ministerialen, denken bei ionisierenden Strahlen gleich an Atombomben.