Wörth am Rhein

Wer nachts einmal über die Rheinbrücke zwischen Karlsruhe und Wörth gefahren ist, weiß, wovon die Leute sprechen. "Ich wohne in einem Hochhaus", erzählt eine ältere Frau, "und wenn ich nachts das Fenster aufhabe, dann wache ich manchmal auf von dem Gestank." Ein Mann, der unter Asthma leidet, berichtet, er bekomme keine Luft mehr, wenn es nach Lösungsmitteln rieche. Und eine Frau sagt, manchmal denke sie, da habe einer ein paar Waggons mit faulen Eiern umgeschmissen.

Daß es in Wörth am Rhein stinkt, ist seit Jahren bekannt und kein Wunder. Der Wind mag stehen, wie er will, immer hat er Gelegenheit, Emissionen einer Fabrik mitzubringen. Besonders betroffen ist Wörths Ortsteil Maximiliansau, direkt am Rhein gelegen. Rund um den Ort herum gruppieren sich drei Raffinerien, eine Papierfabrik, verschiedene Heizwerke, die Daimler-Benz Lastwagenproduktion mit ihrer Lackiererei und chemische Industrie. Wörth selbst gehört zu Rheinland-Pfalz – zuständig für die Kontrolle der Fabriken ist die Bezirksregierung in Neustadt an der Weinstraße. Kommt der Wind von Osten, so bringt er Gerüche aus dem Badischen, aus Karlsruhe mit, denen das dortige Gewerbeaufsichtsamt nachgehen müßte. Und kommt er von Süd bis West, dann stinkt es aus dem Elsaß herüber. Dagegen ist praktisch nichts zu machen.

Natürlich haben die Behörden den deutschen Unternehmen am mittleren Oberrhein in den vergangenen Jahren eine Menge Auflagen gemacht. Natürlich sind große und teure Filteranlagen eingebaut worden. Rechnete man zusammen, was zur Einweihung jeder einzelnen Emissionsschutzeinrichtung alles gesagt wurde, dann müßte die Luft in Maximiliansau mittlerweile sauberer sein als die der besten Nordschwarzwald-Luftkurorte. Und doch bestätigt die Landesanstalt für Umweltschutz in Karlsruhe "massenhaft Beschwerden in letzter Zeit", und das Gewerbeaufsichtsamt spricht immerhin von "etwas mehr Beschwerdeeingängen". Übereinstimmend melden die Beschwerdeführer Geruchsbelästigungen, die nach Einbruch der Dunkelheit aufgetreten sind. Sie vermuten, manche der Firmen ließen "nachts Dampf ab". Während die Bürger von Wörth darüber klagen, daß die Behörden offenbar nichts gegen die Luftverschmutzer unternähmen, berichtet der Leiter des Karlsruher Gewerbeaufsichtsamts, man habe durchaus und schnell auf einzelne Beschwerden reagiert und sofort Kontrolleure auf die Rheinbrücke geschickt. Sie haben aber angeblich nichts gerochen.

Da Störfalle an den Filteranlagen der Firmen am Rhein in den letzten Wochen nicht gemeldet worden sind, bleibt nur die übliche amtliche Erklärung für die jetzige Häufung der Beschwerden: die Jahreszeit. Nach der Arbeit halten sich die Menschen wieder im Freien in ihren Gärten auf, wo sie eben riechen, wonach es riecht. Zudem sensibilisieren sich die Sinne des Menschen abends – auch der Geruchssinn wird feiner. Drittens bildet sich nach Einbruch der Dunkelheit kurzfristig eine Inversionslage in der Luft: Kühlere Luftschichten liegen über den warmen bodennahen und hindern sie am Aufsteigen, so daß auch Schadstoffe sich zeitweilig stauen können.

Nun besteht dennoch die Möglichkeit, daß die Bürger von Wörth Emissionswolken bisher einfach zu spät gemeldet haben, daß der Gestank sich bereits verzogen hatte, als die Beamten mit geübten Nasen eintrafen ("Die Nase ist nach wie vor zunächst immer noch besser als jeder Detektor"). Deshalb empfahl das Gewerbeaufsichtsamt kürzlich, Fälle von Geruchsbelästigung sofort und beim Amt selbst telefonisch zu melden. Dann sei gewährleistet, daß innerhalb von 20 Minuten (so lange braucht es, um aus der Karlsruher Innenstadt zur Rheinbrücke zu gelangen) ein Mitarbeiter zur Stelle sei und "nachschnüffle". Die Mitarbeiter hätten für dringende Fälle ihre privaten Telefonnummern hinterlegt und könnten daher zu jeder Tages- und Nachtzeit gerufen werden.

Doch hier irrte das Amt. Die Probe aufs Exempel hat es bewiesen. Auf den Anruf meldete sich der Portier des Gewerbeaufsichtsamtes und erklärte, die Telefonzentrale sei nur bis 16.00 Uhr besetzt. Später wolle man sich an das zuständige Polizeirevier wenden. Die Polizei aber kennt den Begriff "Beschwerde" nicht – hier erstattet man "Anzeige" auf Formblatt A 1. Zu diesem Zweck reicht ein Anruf nicht aus – der Bürger muß persönlich auf dem Revier erscheinen. Die Anzeige wird in schriftlicher Form an das Gewerbeaufsichtsamt weitergeleitet – frühestens nach Dienstbeginn am folgenden Morgen, versteht sich.