Der Pianist Count Basie, der Donnerstag voriger Woche im Alter von 79 Jahren in Hollywood starb, hatte pyknische Hände mit den begabtesten Wurstfingern, die der Jazz je erlebt hat. Oscar Peterson donnert über das Klavier, Keith Jarrett windet sich virtuos durch die Tasten, Thelonious Monk eroberte sich sein Instrument auf eine unbeholfen-gichtige Weise – aber Count Basie war der Mann, der wenige Noten im Diskant in reinste Elektrizität verwandeln konnte. Er war der Generator seiner Band. Er sagte: "Ich bin der Schrittmacher, das ist meine Hauptaufgabe. Ich gebe die Tempi an ...und ich füttere die Solisten. Andere Leute sind Solisten auf dem Klavier, Jungs, die es drauf haben, aber ich benutze das Klavier als einen Teil der Rhythmus-Gruppe."

Das war natürlich stark untertrieben. Count Basie war, eben gerade weil er seinen eigenen asketischen Stil gefunden hatte, ein höchst bemerkenswerter Solist. Noch zählt im Jazz nicht die Anzahl der Noten, sondern der Geist, der hinter ihnen steht. Und der ergriff jeden, der sich vom aufgedunsenen Klavierstil unserer Tage, dem vieler junger Jazzpianisten, die ihre Improvisationen mit Chopin und Ravel andicken, nicht hat korrumpieren lassen.

Wie war das noch mit Basie? Eine Szene im "Roseland Ballroom" in einem Hotel von New York. Tanz mit Count Basie. Der Meister hebt, kaum erkennbar, den Finger, und schon ziehen Schlagzeug und Bass ab. In einem Affentempo, wie wir Musiker sagen. Basie mischt sich mit seinen köstlichen Plings im Diskant ein. Vorbereitung für ein gewaltiges Tutti, das die Gläser klirren läßt: "Lil’ ol Grovemaker". Momente, in denen sich ein filigraner Kritiker, bekannt für seine Spitzenklöppeleien in der Presse, fühlte, "als hätte man ihn aus dem Raum gepustet". Doch Count Basie spielt jetzt die reinste Definition des Swing. Er tritt jetzt den Beweis an, daß Swing zu tun hat mit rhythmischer Elastizität des musikalischen Materials, ohne die – so kann man es postulieren – Jazz wirkt wie ein Glas mit totem Wasser. Man kann hinzufügen: auch auf die Menschen, die Jazz spielen, läßt sich diese Definition übertragen. Im Jazz gibt es keine hölzernen Musiker. Alles schwingt. Auch vor dem Podium. Die Leute tanzen, trinken, schreien. Die Barkeeper haben längst aufgehört, ihre Gläser zu putzen.

Und dann: wieder türmt sich eine von diesen Passagen auf, in denen die fünfzehn Mann des Orchesters sich in einem Ton zu bündeln scheinen, der schneidend und mit Wucht auf die Menge niederfährt. Dann, von einer Sekunde auf die andere – Basie hat wiedermal seinen Finger angehoben – bricht das Tutti ab und wieder hört man nur den Puls der Rhythmusgruppe. Diese extremen Achterbahn-Fahrten des Basie Orchesters entladen sich im Kreischen und Lachen der Menge auf dem Parkett. Mein Gott, jetzt weiß ich es: Count Basie ist Spaß, ist Freude, ist Vitalität, ist Bewegung, ist akustische Therapie, die ich jedem Zugeschnürten und um Luft Ringenden empfehle. Das Orchester Count Basie wirkt jetzt auf dem Podium wie eine Gegenwelt zur Stechuhr, zu Zimmermann, zum "Mahlzeit-Sagen", zum dunklen Anzug im Konzert, zu Everding, zu den erkalteten Feuilletons, zu denen, die – um mit Rühmkorf zu reden – "uns Erde, Wasser, Luft Versauen – Fortschritt marsch! mit Gas und Gottvertrauen".

"Die Utopie des Jazz, wenigstens eine Ahnung von Freiheit, oder bescheidener, eine Ahnung von Schwerelosigkeit aufziehen zu lassen, hat Count Basie vermittelt, längst bevor die Freitöner des Jazz ihre Politplakate entworfen hatten. Freiheit im Jazz heißt eben doch nicht: hatten. mit den Strukturen! Count Basie war ein Konservativer. Aber was für einer! William Basie wurde am 21. August 1904 in Red Bank, New Jersey, geboren. Er hatte gerade soviel Klavierunterricht bei seiner Mutter, daß er imstande war, sozusagen als Rotznase schon in Nachtbars für Geld zu Klimpern. In diesen Treibhäusern für Musik und Libido wurde der kleine Basie langsam trocken hinter den Ohren. Er lernte den Pianisten und Organisten Fats Waller kennen, einen Satyr in Sachen Jazz und Weiber, und vielleicht war dies seine entscheidende Begegnung. Basie hat Freund Waller kräftig auf die Finger geschaut und ihm das abgeguckt, was man Harlem stride piano nennt, einen Ableger des Ragtime in der Prohibitions-Ära.

Aber für Basie ging es erst richtig los um 1926 herum. Er kam nach Kansas City, eine Stadt, in der es damals fröhlich drunter und drüber ging. Mit einem Wort: Kansas City swingte. Er tingelte hier, nach Jobs in einer Vaudeville-Show. Als Pianist in einem Stumm-Film-Theater. Später landete er bei den Blue Devils und sog wie ein Schwamm die süßen Gifte von Kansas City auf. Es gab Nachtclubs, die nie zumachten, und es gab Nächte, in denen ein Blues über zwei Stunden gespielt wurde. Zwei Stunden Improvisationen über zwölf Takte mit drei Harmonien.

Die Meister dieser Marathons waren Saxophonisten, die später im Orchester von Count Basie auftauchen sollten: Ben Webster, Lester Young, Herschel Evans, Budd Johnson und Coleman Hawkins. Basie sammelte Erfahrungen im Orchester von Bennie Moten, und dann, er spielte mit einer kleinen Band im Reno-Club, nahte 1935 in Gestalt von John Hammond der Mentor seines Lebens. Hammond, Absolvent der Universitäten von Hotchkiss und Juilliard, hatte einen äußerst ausgeprägten Tick. Er förderte Jazz-Musiker, entdeckte sie, brachte sie an die Oberfläche, zog sie ins Rampenlicht. Von Count Basie war Hammond sofort elektrisiert, als er ihn zum erstenmal im Autoradio hörte. Das war ja was ganz anderes als Benny Goodman, der Hochglanzgelackte. Basie war dagegen, mit dem genialen und versoffenen Lester Young, ein Stück Urschleim. John Hammond hatte die richtige Witterung. "Du mußt die Band vergrößern", sagte er zu Basie, und dann verfrachtete er ihn nach Chicago. Ein Fiasko, denn Count Basie mußte im "Grand Terrace" die "Dichter und Bauer-Ouverture" spielen, diesen albernen Kurpromenaden-Quatsch.