Die Analyse und Interpretation des klassischen europäischen Imperialismus, dessen hektischste Phase ziemlich genau vor hundert Jahren einsetzte, hat etwa seit Beginn der sechziger Jahre erneut ein lebhaftes Interesse gefunden. Anstöße dafür lieferte auf der einen Seite die allmähliche Freigabe umfangreichen Archivmaterials und die Zuhilfenahme neu gewonnener Einzeldaten, neuerer wissenschaftlicher Methoden, Konzepte und Erkenntnisse. Auf der anderen Seite erhielt speziell die marxistische Imperialismuskritik neue Nahrung aus der Erfahrung, daß die politische Emanzipation der ehemaligen Kolonialländer kaum etwas an ihrem ökonomischen Status veränderte. Die eher zunehmende Verschärfung der Nord-Süd-Probleme schien die These von der ökonomischen Ausbeutung der peripheren Länder durch die kapitalistisch-imperialistischen Industrieländer nur neu zu bestätigen.

Die Debatten über den klassischen europäischen Imperialismus und über die Ursachen der Unterentwicklung der Dritten Welt zeichnet aber noch etwas anderes gemeinsam aus. Sie haben selten der Tätigkeit und den Wirkungen der christlichen Missionsarbeit in den ehemaligen Kolonialländern Aufmerksamkeit gezollt. Damit geriet aber ein Faktor aus dem Blickfeld, der – nolens, volens – unter Umständen tiefer in das soziokulturelle Milieu eingriff als es Kolonialherrschaft und Kolonialwirtschaft vermochten. "Erziehungs- und Bildungsarbeit, auch die Bekehrung selbst konnten deshalb, weniger der Intention als ihrer Funktion nach, zu einer besonders tiefgreifenden und folgenreichen Form kultureller Penetration geraten." (Bade, S. 18)

Entsprechend verdienstvoll ist es, daß Klaus J. Bade mit einem internationalen und interdisziplinär zusammengesetzten Autorenteam einmal dem vielfältigen Beziehungsgeflecht zwischen staatlicher Kolonialpolitik und christlicher Mission und seinen Auswirkungen am Beispiel des ehemaligen deutschen Kolonialimperiums systematisch nachgegangen ist, das Mitte der 1880er Jahre ebenso abrupt entstand, wie es mit dem Ausgang des Ersten Weltkriegs wieder von der Bildfläche verschwand:

Klaus J. Bade (Hrsg.): "Imperialismus und Kolonialmission – Kaiserliches Deutschland und koloniales Imperium"; (Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte hg. von Albertini und Gollwitzer, Bd. 22) Steiner-Verlag Wiesbaden, 1982,333 S., 54,– DM.

Hauptintention der Arbeit ist es, gegenüber verschiedenen Einzelaspektdarstellungen und einseitigen Interpretationsmustern – sie reichen von der bloßen Missionsgeschichtsschreibung mit Betonung der "kulturellen" Leistungen bis hin zur Polemik gegen den "Kolonialismus unter der Kutte", bei der Mission als "Vorläufer und Jagdhund des Imperialismus" abgestempelt wird – "die spannungsreiche Vielfalt von Konsens und Kooperation, von Dissens und Konflikt in der dialektischen Einheit der kolonialen Situation zu strukturieren, in der sich die Mission, Kolonialherrschaft und Kolonialwirtschaft begegneten."

Es ist hier nicht der Platz, die Beiträge im einzelnen zu resümieren. Einige wenige Bemerkungen, die die Struktur des Bandes und häufig wiederkehrende Topoi ansprechen, müssen ausreichen. Im ersten Teil wird – nach einem einführenden Beitrag des Herausgebers – die Missionsszenerie im kaiserlichen Deutschland beleuchtet, ihre Strategien, ihr Meinungsspektrum und das interkonfessionelle Konfliktfeld (Beiträge von Robert Hoffmann, Niels-Peter Moritzen, Horst Gründer, Klaus J. Bade). Der zweite Teil des Bandes verfolgt die historische Begegnung von Imperialismus und Mission in den einzelnen deutschen Schutzgebieten in Afrika, in der Südsee und in China (Beiträge von Lothar Engel, Arthur J. Knoll, Rainer Tetzlaff, Renate Nestvogel, Peter J. Hempenstall, John A. Moses, Stewart G. Firth, Karl J. Rivinius, Ernst Dammann).

Natürlich ist die Qualität der Beiträge unterschiedlich; ihre Lektüre – zumal in einem Zug – erfordert Muße und heißes Bemühen. Sie bieten aber in jedem Falle ein weitreichendes und stark differenziertes Bild, das im folgenden nur punktuell angedeutet werden kann: Das Wechselverhältnis von Mission und weltlicher Kolonialherrschaft wird schon daraus deutlich, daß die letztere häufig bei ihrer Expansion den Spuren der Mission folgte; umgekehrt erhielt die deutsche Missionstätigkeit durch die Gründung eines deutschen Kolonialreichs ungeahnte Impulse.