Immer mehr Augen, die nichts mehr sehen. "Wir haben keine Zeit mehr", beklagte schon vor einem halben Jahrhundert der Photograph Hans Windisch, "am wenigsten zum bewußten Sehen." Von Fertigwaren überschüttet, retteten wir uns in eine "Faulheit, die Abwehr ist gegen das belastende, irritierende Vielzuviel." Das Normalauge, meinte er, sehe nichts; jedoch, "es laufen aber Leute umher, die hungrige Augen haben..die Leute hinter der Kamera, die mit neuen Augen sehen". Einer von denen, die in dem, was sie sahen, Ungesehenes entdeckten und das mit Hilfe der Photographie auch sichtbar zu machen verstanden, war der große Landschaftsphotograph Ansel Adams. Am Ostermontag ist er, 82 Jahre alt, dort gestorben, wo er zeitlebens zu Hause war, in Monterey, südlich von San Franzisko, in Kalifornien also, dem Dorado seiner einprägsamen Augen-Blicke.

Zwar hatte er, wie man weiß, schon als Vierzehnjähriger im Yosemite-Nationalpark geknipst, aber dann hat er erst einmal etwas anderes gelernt: Klavierspielen. Als er achtundzwanzig war, packte ihn die alte Leidenschaft desto fester. Aus dem Konzertpianisten wurde ein Photograph, genauer: der Landschaftsphotograph Ansel Adams.

Er war ein Landschaftsdramatiker. In seinen Stücken sind die Kontraste oft grell hervorgekehrt, unwirklich verschärfte Wirklichkeit. Beim "Mondaufgang über Hernandez" sieht man im Dunkel der Nacht aufblitzen, was der Mond bescheint: einen breiten Wolkenschleier, vorn die vom Licht fein gezeichneten Kreuze eines Friedhofe. Beim noch berühmteren Bild vom Hauptkamm der Sierra Nevada entfaltet der Mount Whitney, ein weißer Viertausender, seinen kalten Glanz hoch hinter einem gedrungenen kohlpechrabenschwarzen Bergrücken, und vorn ziseliert ein Sonnenstrahl, der sich verlaufen hat, das feine Geäst einer Reihe von Bäumen, vor denen ein Pferd weidet. Vor dem Mount Williamson wiederum wandert das Auge über ein zum Greifen nahes, porengenaues Findlingsfeld, ehe es Zeit findet, den alpinen Hintergrund hinaufzuklettern.

Adams betonte die Kontraste, setzte Licht gegen Schatten, Helles gegen Dunkles, Sanftes gegen Wildes, Glattes gegen Zerklüftetes, so hart, daß einem der Eindruck unendlicher Raumtiefe geradezu aufgezwungen wird. Man bestaunt die Effekte, aber man erschauert auch davor: Jeden Moment, denkt man, breche in diesen menschenlosen, pathetischen Landschaftsbildern das Gewitter los – grollt es nicht schon?

Ansel Adams gehörte zu einer Gruppe von Leuten, die sich um äußerste Genauigkeit bemühten. Edward Weston war dabei, auch Paul Strand und Imogen Cunningham. Und die Gruppe, die sie bildeten, nannte sich nach der kleinsten, größte Tiefenschärfe verbürgenden Blende "f 64". Ihre Devise hieß: Präzision statt Interpretation – der Subjektivität ihrer Objektivität nicht achtend. Man nannte sie auch die Strukturisten. weil sie bei der Komposition ihrer Bilder nicht nur auf die Gliederung der Formen, der Flächen, der Volumen und der Tonwerte des Lichts achtgaben, sondern auch auf die feinen Strukturen, die Zeichnung der Landschaftsdetails. Adams gelang es, seine oft überwältigenden Bilder zu Papier zu bringen, weil er ein unerhört feinsinniger Belichtungs- und Entwicklungstechniker war.

Er hatte zeitweilig eine Privatgalerie betrieben, sich am Museum of Modern Art in New York um die Photograpie verdient gemacht, an der Kunsthochschule von San Franzisko die erste Photo-Abteilung aufgebaut, sich um den begabten Nachwuchs gekümmert – und sich allmählich ein vernarrtes Publikum gebildet. Bei Sotheby’s wurden Preise geboten, die man bei Photographien früher nicht für möglich gehalten hätte. Wahrscheinlich müssen die Käufer nun noch tiefer in die Tasche greifen. Der Preis für den Mondaufgang lag – für einen von neunhundert Abzügen – zuletzt bei fünfzigtausen Mark.

Manfred Sack