Sehenswert

"Abwärts", von Carl Schenkel, der vor drei Jahren mit "Kalt wie Eis" sein Kinodebüt gab, variiert wieder einmal die Geschichte einer kleinen, eingeschlossenen Gruppe, die miteinander bzw. gegeneinander eine gefährliche Situation bewältigen muß. Vier Menschen in einem Fahrstuhl – am Freitagabend. Da ist ein älterer Mann, der hat gerade den Safe seines Chefs geleert. Da ist ein junger Freak mit Sonnenbrille und Walkman (Hannes Jaenecke), der hat gerade einen beinahe tödlichen Unfall überstanden. Und da sind zwei Arbeitskollegen, ein in die Jahre gekommener arroganter Macho (Götz George) und eine junge schicke Karrierefrau; zwischen ihnen herrscht eine unausgesprochene aggressive Spannung. Als der Fahrstuhl steckenbleibt, kommt es schnell zu einer Konfrontation. Es wird provoziert und beleidigt, gestritten und gekämpft. Es gibt "sex, crime and action". Schenkel scheut die Klischees nicht; er nutzt sie zur dramatischen Verdichtung. Mit rasanten Schnitten, mit Dialogen, denen man anhört, daß kein Autor sich an ihnen abgequält hat, und mit Effekten, die in erster Linie die Spannung fördern, zielt sein Film ganz direkt auf Suggestion. Es geht um Unterhaltung; und das mit allen Mitteln. Die filmischen Bilder sollen die Welt nicht interpretieren, sondern die dargestellten Ereignisse mit Emotionen aufladen, die uns Zuschauer in den Bann ziehen. Es gibt schon noch einiges an ornamentalem Schnickschnack (wie etwa die so stolz ausgestellten Kameraeinstellungen aus extremer Untersicht). Doch "Abwärts" macht deutlich (und das ist ungewöhnlich für einen deutschen Film), wie sehr die Oberflächen genügen als Material für Kino-Abenteuer. Neue Spannung entsteht eben durch neue Rhythmen, nicht durch neue Ideen. Oberstes Ziel für Schenkel ist – wie schon immer für die großen Unterhaltungskünstler des Kinos – die synthetische, die in sich eigenständige Illusion von Realität: die nicht Ideen "in" den Bildern erzeugt, sondern Wirkungen "durch" die Bilder. Wenn Schenkel weiterarbeiten wird, kann er eines Tages vielleicht ein Robert Aldrich des deutschen Films werden. Norbert Grob

Ironisch

"Der Beginn aller Schrecken ist liebe", von Heike Sander. So ist es tatsächlich – manchmal: Wenn die liebe des einen der Liebe des anderen nicht mehr standhält. Freya, Protagonistin in Heike Sanders drittem langen Spielfilm ("Redupers", 1977; "Der subjektive Faktor", 1980/81), steckt mitten drin im Schrecken einer sich auflösenden Beziehung und sie leidet: sichtbar, hörbar... und überhaupt. Ihr Freund (Lou Castel) – ein weichlicher Typ, eine traurige Gestalt –, der sich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden kann, hat sich eines Tages davongemacht, ohne ein Wort der Erklärung. Als Mitarbeiter von Amnesty International setzt er sich ein für die Rechte Verfolgter und Gefangener, für die Frau neben ihm hat er nicht einmal einen Gran an Loyalität und Ehrlichkeit. Ihre Worte "Erklär’ es mir, das steht mir in einer Demokratie zu", ignoriert er wie viele andere ihrer Versuche, ihn zu einer Erklärung zu zwingen. Heike Sander, in deren Film die Grenze zwischen privatem und politischem Bereich immer fließend war, geht in ihrem neuesten Film sogar noch einen Schritt weiter, indem sie Kategorien unserer jüngeren und wenig ruhmreichen Vergangenheit auch auf ihre private Geschichte anwendet. Dabei ist ihr das Opfer/Täter-Verhältnis besonders wichtig. Freya will nicht Opfer sein, was – wie die Geschichte beweist

immer bedeutet, die Täter anzuerkennen. Sie will leiden und tut das nicht im stillen Kämmerlein. Daß man Freya, von Heike Sander selber dargestellt, das Leiden gar nicht so recht abnimmt, gehört zu den Brechungen und ironischen Wendungen des Films. Heike Sander kommentiert immer wieder, wie auch in ihren früheren Filmen, das Geschehen auf der Leinwand durch ironisch-distanzierte Sätze und rückt es so in ein neues Licht. Chauvinismus und Emanzipation geraten gleichermaßen ins Kreuzfeuer ihrer intellektuellen Kritik.

Anne Frederiksen

Empfehlenswerte Filme

"Das Geld" von Robert Bresson. "Der Kontrakt des Zeichnen" von Peter Greenaway. "Das Fenster zum Hof von Alfred Hitchcock. "Das Schloß im Spinnwebwald" von Akira Kurosawa. "Ärger im Paradies" von Ernst Lubitsch. "Erzählungen unter dem Regenmond" von Kenji Mizoguchi. "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse" von Ulrike Ottinger. "Koyaaniswqatsi" von Godfrey Reggio. "Das Leben ist ein Roman" von Alain Resnais. "Eine Liebe von Swann" von Volker Schlöndorff. "Kaaakerbraut" von Uwe Schrader. "Der Schlaf der Vernunft" von Ula Stöckl. "Nostalghia" von Andrej Tarkowski. "Auf Liebe and Tod" von François Truffaut.