Von Ulrich Wickert

Wie der Basar von Istanbul wirkt diese Straße tagsüber – so drängt man sich, schreit, hupen die wenigen Droschken und Limousinen ihren Weg frei; nur gibt es hier unten keine Bettler – anders als oben in der Stadt. Hier unten verschenkt man nichts. Nachts aber – und sonntags – wirkt sie so kalt und leer, daß man glaubt, hier sei eine Epidemie ausgebrochen. Ohne die Straße zu sperren, kann am Feiertag eine Werbeagentur vor Fernsehkameras für einen Fernsehspot einen Löwen frei herumlaufen lassen – Werbung für eine Investmentfirma an der Wall Street. Zwar prägt sie mit ihrem Namen eine ganze Weltideologie, doch die Wall Street ist unerwartet kurz (nur 111 Hausnummern), eine der engsten Gassen, knapp zehn Meter breit, eine der dunkelsten Häuserschluchten: Die Steinwände ziehen sich zwanzig, dreißig Stockwerke hoch, denn als hier die ersten Wolkenkratzer errichtet wurden, gab es noch keine staatlichen Bauvorschriften; ein Hohlweg wo einst der Pfad vor dem Holzwall verlief, der die holländischen Siedler vor anstürmenden Indianern schützte. Ein Wall, von dem sie den Namen erbte. Hier ist Neu-Amsterdam entstanden.

Während sich einst das ganze Leben von New York um die Wall Street drehte, ist sie heute ins Abseits geraten, kaum ein Mensch wohnt in diesem Bezirk. Tag für Tag werden 450 000 Menschen von U-Bahn, Bus, Taxi oder Limousine an ihren Arbeitsplatz hier geschaufelt. In Brooklyn, Queens, Staten Island oder New Jersey wohnt, wer an der Wall Street Handlangerdienste verrichtet – und das sind die meisten. Aus Connecticuts Villenorten wie Greenwich kommen diejenigen, die, um bloß nicht modisch aufzufallen, in dunckm, gestreiftem Anzug und mit pomadig angelegtem Haupthaar die Bankgeschäfte lenken. Eine Strecke aus Greenwich dauert anderthalb Stunden. Die Zeiten, da man mit dem Hubschrauber oder Wasserflugzeug landete, sind vorbei, seit David Rockefeller die Leitung seiner Bank abgegeben hat. Und auf der Fahrt in dem mit Clubsesseln ausgestatteten Minibus kann man morgens schon Akten lesen, abends schon einen Drink aus der Kleinbar nehmen.

Jener David Rockefeller trägt übrigens ein Großteil Verantwortung für die Verödung des Wall-Street-Distrikts. Waren 1960 noch manche kleinen Gassen mit Kopfsteinpflaster gedeckt, strahlten hundert Jahre alte Häuser Gemütlichkeit aus, so hat dies alles der Wunsch Rockefellers, der hier unten "ein bißchen Grund besaß", verändert. Er drohte, übers Wasser nach New Jersey zu entweichen, wenn er keinen Wolkenkratzer bauen dürfe, und welche Stadt gibt da nicht nach?