Von Monika Müller

Handtuchschmal sind sie, die Bürgersteige in der verwinkelten Unterstadt des alten Elbschifferstädtchens Lauenburg. Ganz dicht müssen wir uns an die roten Fachwerkhäuser drücken, wenn einmal ein Auto kommt. Die schmale Elbstraße ist nicht geschaffen für moderne Gefährte. Vor dem Bäckerladen duftet es nach knusprigen Morgenbrötchen. Eine Frau im Nachthemd verscheucht schimpfend eine Katze.

Am "Rufer"-Denkmal, dem Wahrzeichen der Elbestadt, geht es scharf nach rechts die Treppe hinunter: Da liegt er – der "Kaiser". Er scheint schon auf uns zu warten. Gemächlich bläst er blaue Rauchwölkchen aus dem langen gelben Schornstein in den Morgenhimmel.

Eigentlich haben wir ihn uns ganz anders vorgestellt: eher rundlich und vielstöckig – wie seine Verwandten auf dem Mississippi, aber der "Kaiser Wilhelm" wirkt schmal, fast zerbrechlich. Die Morgennebel heben sich. Die Elbe glitzert – wider Erwarten – blau.

Vor uns liegt eine nicht alltägliche Exkursion. Der 84 Jahre alte "Kaiser Wilhelm" ist der letzte Raddampfer der Bundesrepublik, der noch von einer richtigen kohlebefeuerten Dampfmaschine angetrieben wird. Die nicht oft angebotene Route führt auf der Oberelbe, die hier die beiden deutschen Staaten teilt, von Lauenburg an stromaufwärts. Ein Stück Elbe zwischen hüben und drüben, zwischen der Abgeschiedenheit des Naturparks Elbufer-Drawehn einerseits und den Grenzbefestigungsanlagen andererseits.

Ächzend und schnaufend setzt sich die alte Dampfmaschine in Bewegung, langsam schaufeln die Eichenholz-Blätter der beiden Antriebsräder durch das Wasser, der altehrwürdige Flußdampfer kommt allmählich in Fahrt. Die verschachtelten Elbschifferhäuser werden immer kleiner. Vor der niedrigen Lauenburger Elbbrücke werden Schornstein und Signalmast gekippt: die erste und letzte Demutsbezeigung des "Kaisers" bis zur Rückkehr. Es gibt auf der etwa 45 Kilometer langen Strecke bis Hitzacker keine Brücke, keine Verbindung mehr zwischen diesem und dem anderen Deutschland.

Gleich hinter Lauenburg sieht man sie dann: die Grenze. Sofort steht sie im Mittelpunkt des Interesses der kleinen Ausflugsgesellschaft. Finger zeigen, Ferngläser werden ausgepackt – erste Gespräche mit dem Sitznachbarn. "Wollen Sie auch mal durchs Glas schauen?" – "Eine Schande ist das!" – "Niederwalzen sollte man den Zaun!" – Dann Büsche, wucherndes Grün. So, ab hätte sie die Schmähreden verstanden, verbirgt sich die Grenze hinter einem breiten Gürtel üppigen Uferbewuchses und zeigt – uns allen neu –, daß sie auch Schönheiten und etwas Positives zu bieten hat: Zwischen Grenzzaun und Elbe gewährt sie schützenden Raum für bedrohte Pflanzen und Tiere, die in dem wuchernden und von Menschenhand unberührten Dschungel ein ungestörtes Paradies finden. Ein Fuchs tummelt sich am Ufer, Tausende von Wasservögeln bevölkern die zahlreichen kleinen Buchten, Hunderte von Graureihern stehen im Röhricht und an den Stränden, einzeln und in kleinen Gruppen. Meister Adebar pflegt regen "kleinen Grenzverkehr". "Kiek mol, Werner, schon wedder en Storch!" – "Jo, jo, paß man op, dat he di nich in’t Been zwackt!" – Vergessen ist die Grenze. Die ersten Butterbrote werden ausgewickelt. In der linken Hand den Kaffeebecher, in der rechten das Fernglas: "Fliegt da nicht ein Milan?"