Adorno-Konferenz 1983", herausgegeben von Ludwig von Friedeburg und Jürgen Habermas. Lest dieses Buch, Leute, lest, das war meine spontane Reaktion, als ich den Band in die Hände bekam. Hier wird "Kritische Theorie" – lebendig – vorgeführt, hier wird gezeigt, wie der Umgang mit Tradition, mit Adorno zum Beispiel, heute aussehen muß, respektlos, kritisch, ihm dabei erkennbar verpflichtet. Hinter dem schlichten Titel verbirgt sich ein überaus bemerkenswertes Buch, nicht nur eines der (bislang) wichtigsten Bücher über Adorno, ja sogar so etwas wie eine Standortbestimmung gegenwärtigen Denkens. Habermas und von Friedeburg hatten im September letzten Jahres eine Reihe von Philosophen, Literaturwissenschaftlern, Soziologen zu einem Symposion eingeladen. Anlaß war der 80. Geburtstag von Adorno. Ziel der Veranstaltung war jedoch keine feierliche Gedenkübung, sondern der Versuch, "den aktuellen Einfluß der philosophischen und soziologischen Arbeiten" in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, in die Adorno hineingewirkt hat, auszuloten, fast fünfzehn Jahre nach seinem Tod, einmal Bilanz zu ziehen. Die Beiträge, hier nachzulesen, gruppieren sich um vier Schwerpunkte, um die auch Adornos Denken zeitlebens zentriert war: Negative Dialektik, ästhetische Theorie, Methodologie, Gesellschaftstheorie. Glücklicherweise waren nicht die Schüler Adornos (im engeren Sinne) eingeladen, deshalb finden sich hier auch keine der berühmt/berüchtigten Adorno-Paraphrasen, die sich in den späten sechziger Jahren bis ins bundesdeutsche Feuilleton durchgeschlagen hatten. Hier wird nicht nachgebetet, sondern nachgeprüft, bei Theunissen und Schnädelbach etwa, mit eindrucksvoller Genauigkeit und Konsequenz; hier werden Adornos Arbeiten tatsächlich auf den Horizont der gegenwärtigen Diskussionen projiziert, also auf die – veränderten – künstlerisch/ästhetischen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen bezogen. Es werden die Motive seines Denkens, die unterdessen historisch geworden sind, abgehoben von denen, die aktuell geblieben, wieder aktuell geworden sind, mit denen und an denen weiter zu arbeiten ist, was etwa Jauss, Wellmer, Bürger und auch Oevermann auf imponierende Weise demonstrieren. Dank der Beiträge von Martin Jay und Leo Löwenthal läßt sich dieses Buch als Hinführung zu Person und Werk Adornos lesen; es läßt sich als Einführung empfehlen; es läßt sich begreifen als eine Pflichtlektüre für alle, die etwas von unserer Gegenwart begreifen wollen, (stw 460, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1983; 471 S., 24,– DM)

W. Martin Lüdke

"Heuschreckenhügel", Erzählung von Keto von Waberer. Ein junges Mädchen reist nach Mexiko in das Haus einer Tante; sie kennt das Land und die Leute schon aus Erzählungen, jetzt sollen die Anekdoten zu Erlebnissen werden; Die Autorin erzählt die Geschichte einer Fremdheit. Ohne in folkloristische Töne zu verfallen, ohne große Erklärungen, ohne Moral beschreibt sie das Aufeinanderprallen zweier Kulturen. Die junge Deutsche, die ihren gesunden Menschenverstand einsetzt, um ohne viel Nachdenken zu helfen, erntet mit ihren Aktionen nur Haß und Gewalt; nur mühsam lernt sie dabei, daß sie die Fremdheit erst akzeptieren muß, bevor sie helfen, erst verstehen und fühlen, bevor sie eingreifen kann. Aber nicht nur die fremde Kultur und Tradition, auch die Fremdheit in der Liebe erfährt sie zum erstenmal. Ihre Träume halten auch da der Wirklichkeit nicht stand. Am Ende der Erzählung ist sie erwachsen geworden: ein vor allem schmerzvoller Prozeß. (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1984; 144 S., 26,– DM.) Manuela Reichart