Köln: "Die Utrechter Malerschule Caravaggisti des Nordens"

Malergruppen, Meisterschulen, die den Namen eines der Großen ihrer Zunft tragen, stehen nur allzuoft im Schatten der Lichtgestalt. Was immer sie zur Imitatio des Michelangelo da Merisis, genannt Caravaggio (1573-1610), bewogen haben mochte: Viele der Niederländer, die es gen Italien zog, kannten den Urheber der neuen, den Manierismus überwindenden Richtung nicht persönlich. Jenen, "der mit dem Degen in der Hüfte, seinen Diener hinter sich, von einem Ballspiel zum andern geht", schillernd romaneske Figur, deren "storia" – Weibergeschichten, Obrigkeitsattacken, Duelle, gar Kerkerhaft nach Totschlag? – sich in lebenssatt vollgesogenen Bildern manifestiert. Revolutionärer Impetus, Hell-Dunkel-Modellierung, Detailverismus, Kühnheit des Bildschnittes und Dramaturgie der Figurenführung mit ihrer Körpersprache – all diese Umsetzungen eines leidenschaftlichen romanischen Temperamentes, erotischen Lebensgefühls und theatralischer Selbstdarstellung ermatten bei den nördlichen Adepten. Kraft- und Spannungslosigkeit wie nach einem Aderlaß beweisen die fünfzehn in Prunkrahmen gefaßten Gemälde aus dem Centraal-Museum. Genre, antike oder historische Vorlage, nun nicht mehr im Licht kristalliner Latinität, sondern überwiegendes "tenebroso" der niederländischen Tiefebene. Die Utrechter Maler, Erben sowohl des Manierismus als auch der flämischen Großfigurenmalerei, deren realistische Tendenzen denen Caravaggios nahekamen, erzielten mit der illustrativen Umsetzung der Quadriga an Erfolgsliteratur (Ovid, Bibel, Tasso und Ariost) ihre Verkaufsumsätze. Monumentalszenen wie "Die Berufung des Matthäus" (Ter Brugghen, 1621, Versicherungswert 12 Millionen) oder "Die Grablegung Christi" (van Baburen, 1617), der "Tod des Seneca (aus Honthorsts Werkstatt, um 1625) und Bloemaerts opernhaft in Szene gesetzte "Anbetung der Könige" (1624), kompakte Figurenkompositionen in Halb- oder Dreiviertelgröße, bleiben so bombastische wie aussageschwache Programmalerei. Schwer ist zu sagen, ob diese den Betrachter fast erschlagenden Überbilder in ihrer Zeit erbauliche Kraft ausströmten oder einfach als Breitwandepen, bestückt mit barthaargetreu porträtierten Zeitgenossen in historisierendem Kostüm, konsumiert wurden. Die Stärke der niederländischen Malerei, ihre Originalität, die ja in der weichen, braungrünen Tonigkeit der Landschaft liegt, darin das wie mit der Borste aus dem Kuhohr gepinselte Weidevieh von der Harmonie der Schöpfung kündet, erscheint allenfalls im Pastoralen, da wo Daifilo und Granida in Arkadien kosen (Honthorst) oder Latona die lykischen Bauern in Frösche verwandelt (Bloemaert, 1646). (Wallraf-Richartz-Museum, bis zum 20. Mai, Katalog 7 Mark) Ursula Voß

München: "Weftstadtstafonie – Berliner Realismus 1900 – 1950"

"Der Berliner ist Großstädter von vornherein, denn zu seinen Merkmalen gehört keinesfalls, daß er hier geboren ist", schreibt Eberhard Roters, der Berliner aus Sachsen und der Direktor der Berlinischen Galerie, die jetzt mit einer Auswahl ihrer Bestände ein Gastspiel im Münchner Kunstverein gibt. Als die Ausstellung anfing, war auch, nur ein paar Gehminuten entfernt, die große Beckmann-Ausstellung noch im Haus der Kunst zu sehen. Wie Käthe Kollwitz oder Carl Hofer, Conrad Felixmüller oder Georg Schrimpf ist auch Beckmann nicht in Berlin geboren, hat aber entscheidende Jahre dort verbracht. Das gleiche gilt, in noch stärkerem Maße, für Christian Schad, dessen große Zeit der kühlen Portraits in seine Berliner Jahre fällt. Beckmann und Schad sind im Kunstverein nicht vertreten. Will sagen: In dieser Ausstellung sind einige der Star-Solisten, die die Weltstadtsinfonie zu einer solchen gemacht haben, nicht präsent. Daß Eberhard Roters diese in Berlin nicht kaufen und sammeln kann, ist klar, denn da gibt es ja die fürs Weltformat zuständige Nationalgalerie. Aber die fast detektivische Arbeit, mit der Roten Nachlässe aufstöbert und dingfest macht, kleine Juwelen an Land zieht oder auch die photographische Sammlung aufgebaut hat, hat seinem Haus neben der Ergänzungsfunktion auch eine bemerkenswerte Eigenständigkeit zuwachsen lassen. Im ausländischen Bayern aber hat eine Ausstellung, in der nicht so sehr die Stars aus der Metropole leuchten, sondern auch Künstler aus der zweiten Reihe den Zustand einer selbstzerstörerischen Zeit reflektieren, es schwer, sich durchzusetzen. Wer allerdings genauer hinsieht, findet, zum Beispiel in den messerscharfen Lithographien von George Grosz, den anmutig-bösen Collagen von Hannah Höch oder den gespenstisch-leeren Großstadt-Stilleben von Werner Heldt die großen Arbeiten der nicht ganz so Großen, ohne die die Weltstadtsinfonie ein Solisten-Abend geblieben wäre (Kunstverein bis zum 27. Mai, Katalog 25 Mark). Petra Kipphoff

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Edgar Degas – Pastelle – Ölskizzen und Zeichnungen" (Nationalgalerie bis 20. S., Katalog 39 Mark)

Berlin: "Arnulf Rainer – Hiroshima – Übennaiungen" (Neuer Berliner Kunstverein bis 10. 5., Katalog 35 Mark) Berlin: "Rudolf Schlichter-Retrospektive" (Kunsthalle bis 16. 5., Katalog 29,80)