Endlich gibt es eine Möglichkeit, ohne Einsatz eigener Mittel mühelos und fast ohne Risiko Geld zu verdienen. Das Rezept: Man zeichne Aktien neu an die Börse drängender Gesellschaften und verkaufe sie bereits am ersten offiziellen Notierungstag. Da dies bisher fast ausnahmslos mit Gewinn möglich war, konnten sich die Zeichner den Überschuß gutschreiben lassen, ohne eigenes Geld bewegt zu haben.

Das hat sich natürlich herumgesprochen mit der Folge, daß die Kreditinstitute von Zeichnungswünschen überflutet werden. Da die Nachfrage nach den neuen Aktien weitaus höher ist als das Angebot, gibt es Verteilungsprobleme und damit viel Ärger. Denn praktisch haben die Banken Geld zu verteilen. Kunden, die von diesem Segen nichts abbekommen oder sich nicht genügend berücksichtigt fühlen, halten mit ihrem Zorn nicht zurück.

Doch die Banken müssen dies "aussitzen". Denn eine absolute Verteilungsgerechtigkeit kann es nicht geben. Ob nur jeder dritte Kunde, wie unlängst geschehen, mit zehn oder zwanzig jungen Aktien bedacht wird oder wenn alle Zeichner ein oder zwei zugeteilt erhalten, wenn regionale Schwerpunkte gesucht werden, um eine gewisse Verbundenheit mit dem Börsenneuling herzustellen – die Ideallösung gibt es nicht. So wird es für die Kunden ein Lotteriespiel bleiben, allerdings ohne eigenen Einsatz, wenn man den entgangenen Gewinn nicht als einen solchen ansehen will.

Ändern wird sich die Situation erst dann, wenn der Markt eines Tages mit neuen Aktien überfüttert ist, wenn sich die Banken um Zeichner bemühen müssen, um nicht auf ihren Konsortialquoten sitzenzubleiben, wie es heute schon gelegentlich bei Anleihen der Fall ist. Ärger also auf jeden Fall! Wie tröstlich, daß ihn sich die Banken über die staatlichen Börseneinführungsgebühren wenigstens versilbern lassen. K.W.