Jeder Tod ist ein unbegreifliches Unrecht, aber wenn einer jung stirbt und war ein Freund, dann hilft auch die Erkenntnis nicht, daß es einen richtigen Zeitpunkt für den Tod nicht gibt. Dann haben wir nicht einmal jenen illusionären Trost, der uns sagen läßt, jemand sei nach einem langen und erfüllten Leben gestorben, jenen Trost, den wir, die Überlebenden, uns selber wenden, in der unbegründbaren Hoffnung, wir hätten noch ein gutes Stück vor uns.

Michael Schwarze ist jung gestorben, und sein Leben war kurz, 39 Jahre. Er starb an Krebs. In ihrem Essay "Krankheit als Metapher" hat Susan Sontag versucht, den Krebs zu entmystifizieren und ihm jenes Odium der Unheimlichkeit zu nehmen, das sich in metaphorischer Umschreibung oder im ohnmächtigen Verschweigen der Krankheit ausdrückt. So beeindruckend ihr Buch auch ist, mir scheint es geschrieben aus der Perspektive des Siegers. Michael Schwarze hat nicht gesiegt. Er starb an dieser heimtückischen, den medizinisch fahrlässigen Optimismus permanent widerlegenden Krankheit, vor der Angst zu haben natürlich ist. Und Michael Schwarze hatte, auch, als er gesund war, Angst vor ihr.

Michael Schwarze, seit 1973 Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, war aus Überzeugung und Leidenschaft Journalist. Das ist in der Kulturbranche nicht die Regel. Es gehört zu den Versuchungen des Gewerbes, die Gegenstände, über die man schreibt, die Produzenten und Institutionen, für wichtiger zu nehmen als den Leser und ein von Fachleuten anerkannter Fachmann, ein von Kennern geschätzter Kenner sein zu wollen. Michael Schwarze ist dieser Versuchung nie erlegen. Zwar war er ein Fachmann, vor allem auf dem Gebiet des Films, worin ihn an Detailkenntnis so leicht keiner übertraf. Aber an Spezialistentum war er nicht interessiert.

Er schrieb für den Leser, er teilte sich ihm mit, und in ihren besten Augenblicken erreichten seine Essays und Reportagen die Qualität eines Joseph Roth. Wie dieser schrieb Schwarze eine leichte und elegante Sprache, die sich nicht an vorgesetzten Theorien festlief, sondern dem Fluß der Gedanken und Wahrnehmungen vertraute. Nie war er trockener Rezensent, teilnahmsloser Berichter statter. Er begeisterte die Leser für das, wofür er sich selbst begeisterte, er verurteilte mit analytischem Witz, was er für mittelmäßig hielt. Er haßte die beamtenhaften Bescheidwissen und Oberlehrer seines Metiers.

Die hergebrachte Unterscheidung zwischen etablierter Kultur und Popular-Kultur ließ er nicht gelten. Er schrieb über Jim Morrison und James Dean ebenso wie über Talk-Shows und Fußballspiele, und er setzte sich mit seinem Engagement für derlei Themen oft leidenschaftlich gegen jene Kollegen ein, die am traditionellen Feuilleton festhielten. Er verstand es, amüsant zu schreiben, er liebte die Pointe und das Aperçu, aber er war kein heiterer Mensch, sondern ein Melancholiker, empfindsam, verletzbar, zum Pessimismus neigend.

Die stilistische Brillanz seiner Aufsätze ließ vergessen, daß er ein theoretisch und politisch versierter Mann war. Er promovierte über die Volksfront-Strategie der KPD ("Proletarische Partei und bürgerliches Erbe", 1973), er war Vorsitzender des Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB) und Redakteur der legendären Frankfurter Studentenzeitung Diskus. Frankfurt war ein Zentrum der 68er Bewegung, und Schwarze einer der führenden Köpfe. Die ihm angeborene Skepsis gegen Ideologien, sein eher relativistisches und pragmatisches Denken trieb ihn zwischen die Fronten. Gegen die zunehmend sich radikalisierende "Basisgruppe Germanistik" gründete er die "Initiativgruppe Germanistik". Damals lernte ich ihn kennen.

Er gehörte jener Generation an, die zwischen den Trümmern aufwuchs, die erstmals in aller Schärfe die Faschismus-Frage stellte, der Kritik wichtiger war als Anpassung, jener Generation, der dieses Land (auch wenn viele das nicht wissen wollen) mehr verdankt als nur den Terrorismus. Er war einer ihrer Besten.