Von Gabriele Venzky

Indira Gandhi gab sich verärgert: "Irgendwie scheinen wir nicht mehr auf der Landkarte der Amerikaner zu sein", sagte sie vor drei Wochen im Gespräch mit der ZEIT. Doch nun schickt Ronald Reagan plötzlich seinen Vize George Bush nach Delhi. Der allerdings wird sich schwer tun, die Inder davon zu überzeugen, daß das Weiße Haus mit einemmal seine große Zuneigung für ihr Land entdeckt hat. In Delhi ist man überzeugt, daß das unverhoffte amerikanische Interesse eine Reaktion auf den vorangegangenen Besuch des sowjetischen Verteidigungsministers Ustinow ist, der ein neues Kapitel indo-sowjetischer Freundschaft eröffnete.

Als ob sie Bush von vornherein in seine Grenzen verweisen wollte, sprach Indira Gandhi bereits vor seinem Eintreffen am 12. Mai davon, daß "eine Großmacht" in Punjab ihre Hand im Spiel habe: die Vereinigten Staaten. Zuvor war Pakistan häufig genug mit den sich ausweitenden Unruhen in Indiens empfindlichstem Bundesstaat in Verbindung gebracht worden. Und da Pakistan ein Verbündeter der Vereinigten Staaten ist, scheint die Rechnung einfach.

Der Punjab ist derzeit Indira Gandhis größtes Problem. Wenn sie einen direkten Zusammenhang schafft zwischen den blutigen Unruhen dort und einem angeblichen amerikanischen Interesse, Indien zu destabilisieren, dann gibt es wenig Raum für eine Verbesserung der getrübten Beziehungen. Schon als Ronald Reagan während Indira Gandhis Washington-Besuch vor fast zwei Jahren plumpvertraulich das "besondere Verhältnis" zwischen beiden Staaten beschwor, weil doch Amerika und Indien die größten Demokratien der Welt seien, war man in Delhi peinlich berührt gewesen. Seine jüngsten Äußerungen nach der Ustinow-Visite, in welchen der amerikanische Präsident Indien eine Schlüsselstellung zusprach und das Land als Nation von besonderem Gewicht lobte, tat ein enger Berater der indischen Regierungschefin als Schmeichelei ab.

Um das Verhältnis zwischen Indien und Amerika ist es nicht gut bestellt, weil Reagan die Dinge hat treiben lassen. Auf Indira Gandhis Washington-Besuch 1982, an dessen Zustandekommen George Bush maßgeblich beteiligt war, folgte nichts. Auch die großen Erwartungen beim Delhi-Aufenthalt des amerikanischen Außenministers Shultz vor einem Jahr wurde enttäuscht. Alle Hoffnungen auf einen Neubeginn in den bilateralen Beziehungen zerplatzten wie eine Seifenblase.

Das Problem Tarapur – dort befindet sich der mit amerikanischer Hilfe erbaute Reaktor, der das Plutonium für Indiens Atomprogramm lieferte – hat inzwischen auf beiden Seiten fast hysterisch aufgeblähte Proportionen angenommen. Indien verweigert Inspektionen und Amerika weigert sich, dringend benötigte Ersatzteile für den zwanzigjährigen Veteranen zu liefern, ganz zu schweigen von angereichertem Uran. Beide Seiten sind fest entschlossen, nicht nachzugeben.

Aber fast schlimmer noch ist das gegenseitige Mißtrauen, das einer Normalisierung der Beziehungen im Wege steht. Delhi sieht sich bedroht von einer "Achse" Washington/Peking/Islamabad, die – so heißt es in Delhi – offensichtlich nun auch noch in Richtung Indischer Ozean ausgebaut werden soll: Man befürchtet, daß Sri Lankas bedrängter Präsident Jayewardene das ungelöste Tamilen-Problem benutzen könnte, um die Amerikaner auf seine Insel zu holen. Daß George Bush jetzt nicht nur nach Delhi reist, sondern auch weiter nach Colombo und Islamabad, bestärkt diese Befürchtungen.