Aber auch Peking verfolgt mit Besorgnis, wie die amerikanische Politik Indien immer mehr in die Arme der Sowjets treibt. Mehrfach haben die Chinesen Reagan darauf hingewiesen, daß es nicht sinnvoll sei, Pakistan aus strategischen Überlegungen zu stärken, wenn man sich zugleich Indien entfremde. Vermutlich ist jetzt in Peking der amerikanische Präsident erneut aufgefordert worden, seinen Frieden mit Indira Gandhi zu machen.

Denn China will sich mit Indien aussöhnen. Es hat kein Interesse daran, daß dieses Land ein immer engerer Verbündeter des sowjetischen Rivalen wird. Doch es scheint zu spät zu sein, noch einen Keil zwischen Delhi und Moskau zu treiben. Die Chance ist vertan, die zeitweilig merkliche Abkühlung zwischen Indien und der UdSSR zu nutzen. Zwar betont Indira Gandhi immer wieder: "Wir sind unabhängig und neigen keiner der beiden Seiten zu." Doch gibt es keinen Zweifel, daß der Ustinow-Besuch im März eine entscheidende Wende im sowjetisch-indischen Verhältnis einleitete: Hier kann man in der Tat von einer "besonderen Beziehung" beider Staaten sprechen.

Marschall Ustinow, der mit 55 hochrangigen Hierarchen und Militärs anreiste, kam in doppelter Funktion: sowohl als Verteidigungsminister wie auch als Entsandter des Politbüros. Er war autorisiert, mit Indien Gespräche auf Gipfelebene zu führen. Das Ergebnis:

• Militärisch ist Indien – nach einem Einkaufsintermezzo in den Arsenalen westlicher Hersteller – zurück in die fast totale Abhängigkeit von der Sowjetunion geraten; Luftwaffe und Marine bekommen an Waffentechnik das Neueste, was der Kreml zu bieten hat: die Mig-29 und später die (erst in drei oder vier Jahren einsatzbereite) Mig-31, den modernsten sowjetischen Panzer T-80, U-Boote und Marine-Aufklärer, Raketen und Artillerie. Indien ist als Nicht-Mitglied des Warschauer Paktes natürlich ein bevorzugtes Spionageobjekt, wie ein jüngst aufgeflogener CIA-Agentenring innerhalb der indischen Armee beweist. Dennoch sind die Sowjets bereit gewesen, alle Bedenken beiseite zu stellen und Indien nicht nur als einziges Dritt-Land den Warschauer-Pakt-Mitgliedern gleichzustellen, sondern auch Produkte anzubieten, die noch im Entwicklungs-Stadium sind. Außerdem werden großzügig Lizenzen für den Eigenbau in den Waffenschmieden der südindischen Stadt Bangalore gegeben. Das war nicht immer so. Noch in den späten sechziger Jahren weigerten sich die Sowjets, über Mig-23 und Suchio-7 überhaupt nur zu sprechen.

• Wichtiger als die Waffenlieferungen ist freilich der Umstand, daß es dem Kreml-Abgesandten Ustinow gelungen ist, die jahrelang auf Distanz bedachte Indira Gandhi auch politisch wieder in sein Lager zu ziehen. Indiens Premierministerin ist als Vorsitzende der Blockfreien-Bewegung eine wertvolle Verbündete bei den sowjetischen Ouvertüren gegenüber der Dritten Welt, wo der Kreml nach der afghanischen Invasion viel Prestige verloren hat. Als Regierungschefin der Hegemonialmacht auf dem Subkontinent spielt sie darüber hinaus eine wichtige Rolle im Kräftefeld, das sich vom Indischen Ozean nach Westasien, vom Golf bis nach Iran und Irak erstreckt. Moskau hat das schneller erkannt als Washington, und Ustinow nutzte geschickt das indische Mißtrauen gegenüber den Amerikanern, um Indira Gandhi von der angeblich größeren Friedfertigkeit der Sowjetunion zu überzeugen. Der sowjetische Marschall versicherte die indische Ministerpräsidentin der "vollständigen" und "uneingeschränkten" Unterstützung seines Landes, falls sie "in Schwierigkeiten" geraten sollte.

Ähnliche Zusicherungen im indisch-sowjetischen Freundschaftsvertrag von 1971 waren damals dem pakistanisch-indischen Krieg vorausgegangen, der mit der Unabhängigkeit von Bangladesh endete. Im staatseigenen Nobelhotel Ashoka, wo die sowjetische Delegation untergebracht war, sah man zum Abschluß ihres Besuches viele verschwitzte aber strahlende russische Gesichter, und Verteidigungsminister Ustinow erklärte: "Wir sind zutiefst zufrieden." Ob es dem amerikanischen Vizepräsidenten Bush nun in Delhi gelingt, wenigstens etwas von dem verlorenen Terrain wiederzurückzugewinnen, ist sehr fraglich. Bush kommt, aber vermutlich viel zu spät.