ZDF, Sonntag, 6., 13. Mai 1930 Uhr; 20., 27. Mai, 3. Juni 20.15 Uhr; 10. Juni 1930 Uhr "Allein gegen die Mafia", Fernsehfilm in sechs Teilen, Regie: Damiani

Die Mafia, was ist das? Corrado Cattani, der neue Polizeikommissar, kommt aus Mailand nach Sizilien, um den Posten seines auf mysteriöse Weise ums Leben gekommenen Vorgängers anzutreten; er kommt aus dem Norden, ist intelligent und engagiert, hat den soziologischen Lehrsatz parat: "Die Mafia existiert dort, wo der Bürger kein Vertrauen in den Staat hat – und dort, wo der Staat Schwäche zeigt." Richtig.

Commissario Marineo, der Hüter von Recht und Ordnung in der sizilianischen Kleinstadt war ein exponierter Mann. Er ist bedroht worden und hat mit dem Leben bezahlt. "Was ist hier kompliziert?", verbittet sich der Staatsanwalt die "Vorurteile": "Liefern Sie mir Beweise und verhaften Sie die Mörder, dann bringe ich sie ins Zuchthaus. Das ist alles." Richtig.

Sehr schnell lernt Cattani, das Mafia nicht nur Mord und Verbrechen bedeutet, sondern vor allem einen Zustand meint: Mißtrauen, Abhängigkeit, Macht mit eigenen Gesetzen – und rücksichtslose Geschäfte. "Alles, was mir darüber zu Ohren gekommen ist, habe ich immer gemeldet", sagt hilflos-vorsichtig sein Kollege Altero. Cattani will mehr: die Wahrheit, die Entlarvung der Mafia.

Die Verstrickungen, die er bei seinen Nachforschungen aufdeckt, werden bald zu seinen eigenen. Er verliebt sich in die Tochter jener Marchesa, die – geheimnisvoller Zufall – am Tag der Ermordung seines Vorgängers Selbstmord beging. Das Mädchen gesteht ihm, daß Marineo und die Marchesa von einem Mafioso erschossen wurden. Sie ist drogensüchtig, selber ein Opfer der Mafia-Heroin-Dealer. Cattani, der Moralist aus dem Norden, gerät in die Mühle der sizilianischen Verhältnisse; die Liebe zu ihr verführt ihn dazu, selber mit Intrigen vorzugehen.

"Allein gegen die Mafia" zu kämpfen ist ein Topos, der alle fiction längst Alltag werden ließ. Corrado Cattani, der mutige law and order-Mann, den Drehbuchautor Ennio de Concini da in die gleichermaßen archaische wie zeitgenössische Welt des italienischen Südens schickt, hat viele Namen. Es sind die Namen von Toten. Am 21. Juli 1979 wurde Boris Giuliano, der Vize-Polizeidirektor von Palermo, von der Mafia erschossen. Emanuele Basile, Giulianos Nachfolger, wurde ein Jahr später ermordet. General Carlo Alberto Dalla Chiesa, der Sieger über die Roten Brigaden, war nur vier Monate Polizeipräfekt von Palermo: Er und seine junge Frau starben am 3. September 1982 im Maschinenpistolenfeuer der Mafia. Wann immer die onorata società ihre kriminellen Geschäfte bedroht sah, ließ sie hochrangige Politiker, Staatsanwälte, Polizisten – die verhaßten Repräsentanten des Staates – brutal aus dem Weg räumen.

Die Killerarbeit (Mörder lassen sich schon für ein paar tausend Mark dingen) verrichten die amici degli amici – die Freunde der Freunde – jener mächtigen Honoratioren, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Mit bedrückender Authentizität eröffnet "Allein gegen die Mafia" ein Panoptikum dieser ehrenwerten Gesellschaft: korrupte Bankiers, zynische Geschäftsleute, einflußreiche Politiker, uomini di rispeto, die Herren über Filz und Verbrechen. Trocken, mit sicherem Gespür für die Eigenwirkung dieser Saga alltäglicher Gewalt, setzt Damiano Damiani seine Geschichte über die Mafia von heute in Bilder von schnörkelloser Direktheit. Hier wird der Krimi zum realistischen soziologischen Sittenbild.

"Allein gegen die Mafia" ist ein Film, der dieses Klischee so glaubwürdig zertrümmert wie es bisher nur den Mafia-Filmen von Francesco Rosi gelang. Diesmal standen die Serien-Einkäufer des ZDF am richtigen Ort Pate. Erwin Brunner