Im August werden es hundert Jahre her sein, seit an der südwestafrikanischen Küste die deutsche Flagge gehißt wurde. Damit begannen drei Jahrzehnte deutscher Kolonialherrschaft, die 1915 durch die immer noch andauernde Herrschaft Südafrikas abgelöst wurde. Heute stellt Namibia das letzte große Kolonialgebiet dar, dem die Unabhängigkeit noch immer versagt wird. Die leidvolle Geschichte der Bevölkerung dieses Landes im 19. und 20. Jahrhundert wird in sehr anschaulicher Form (mit zahlreichen Photos, Dokumenten, Karten, Statistiken) in einem historischpolitischen Sachbuch vor Augen geführt:

Helga und Ludwig Helbig: "Mythos Deutsch-Südwest. Namibia und die Deutschen"; Beltz Verlag, Weinheim 1983; 285 S., 24,80 DM.

Die Autoren wollen vor allem ein verdrängtes Kapitel deutscher Geschichte und gegenwärtige Verstrickungen der Bundesrepublik in den Namibia-Konflikt ins Blickfeld rücken. Daraus ergeben sich die Proportionen des Buches: Etwa zwei Drittel sind der Zeit bis zum Ende der deutschen Kolonialherrschaft (1915) gewidmet, fast ein Drittel den Problemen und Entwicklungen der beiden letzten Jahrzehnte. Die dazwischen liegende Zeit wird nur kurz gestreift.

Die Autoren wissen, worüber sie schreiben. Von 1960 bis 1962 unterrichteten sie an der Deutschen Schule in Lüderitzbucht, wo sie den "alltäglichen Rassismus der Weißen, ihr ungebrochenes Herrenmenschentum, und das Elend der Schwarzen" erlebten. Sie unternahmen seither ausgedehnte Reisen im Lande (zuletzt 1983), und sie haben die wissenschaftliche Literatur umfassend aufgearbeitet.

Ihr Buch ist sehr informativ, und die Lektüre langweilt nie. Häufig werden Perspektivenwechsel vorgenommen, und der Leser wird wiederholt auf Ausflüge zu den Orten des historischen und des aktuellen Geschehens mitgenommen, so daß vor seinen Augen ein plastisches Bild des Landes unter der deutschen Herrschaft und in der Gegenwart entsteht. So führen uns die Autoren zu einer ehemaligen Station der seit 1842 in Südwestafrika tätigen Rheinischen Mission, die zu einer Wegbereiterin der deutschen Kolonialherrschaft wurde; nach Lüderitzbucht, in "eine deutsche Kleinstadt in Afrika", wo der Bremer Abenteurer und Spekulant Adolf Lüderitz 1883 den eigentlichen Grundstein für den "Kolonialerwerb" legte; nach Gibeon, wo der Urenkel Hendrik Witboois, eines der legendären Führer des Aufstandes von 1904-1907 gegen die deutsche Kolonialherrschaft, heute als Aktivist der SWAPO (South West Africa People’s Organization) tätig ist; auf die Haifischinsel vor Lüderitzbucht, wo man 1906/07 in einem Konzentrationslager die Überlebenden des Ausrottungskriegs gegen die Herero und Nama dahinsterben ließ.

Besonders eindringlich wird "der erste Völkermord, den Deutsche begingen", dargestellt. Als sich die Herero und Nama, durch die Landnahme der deutschen Siedler eingeschnürt und ihrer bisherigen Existenzgrundlage beraubt, zum Widerstand getrieben sahen, gab der deutsche Generalleutnant von Trotha am 2. Oktober 1904 den berüchtigten Befehl aus: "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen". Das Volk aber wurde in die wasserlose Omaheke-Wüste getrieben. "Ich glaube, daß die Nation als solche vernichtet werden muß", schrieb "der Schlächter" Trotha an den Generalstab in Berlin. 80 Prozent der Herero und 50 Prozent der Nama fielen den Deutschen zum Opfer. Der Kolonialrassismus, der sich nun ungehindert ausbreitete, ebnete dem nachfolgenden südafrikanischen Apartheid-Rassismus den Weg.

Die Stellungnahme der Helbigs zu den Gegenwartsproblemen fällt ohne jedes Wenn und Aber aus: gegen alle Formen von Rassismus und für das Recht des namibischen Volkes auf Unabhängigkeit. "Südafrikas Zeit ist abgelaufen. Namibia wird frei werden", lautet der programmatische Schluß des Buches. Nachdem der UN-Sicherheitsrat und der Internationale Gerichtshof schon 1969/71 die südafrikanische Herrschaft über Namibia für illegal erklärten und sich die wichtigsten politischen Gruppierungen der schwarzen Mehrheit (93 Prozent der Bevölkerung) 1976 der SWAPO anschlössen, gibt es für die Autoren nichts mehr herumzudeuteln: Die SWAPO ist die nationale Befreiungsbewegung des Landes.

Den Namibia-Deutschen bringen die Helbigs wenig Sympathie entgegen. Sieben Prozent der Bevölkerung sind Weiße, von ihnen sind etwa 25 000 Deutsche beziehungsweise Deutschstämmige. Den Autoren zufolge lassen sich diese in drei Gruppen einteilen: Rechtsliberale (vor allem Geschäftsleute), Reaktionäre (besonders Farmer) und offen rassistische Neofaschisten (Neueinwanderer). Die Neuzugänge seien alles andere als erfreulich: "Das Land übt eine magische Anziehungskraft auf Faschisten aus". Sehr kritisch wird auch die an kurzfristigen ökonomischen Interessen (zum Beispiel Uran) orientierte Namibia-Politik der Bundesrepublik beurteilt; sie arbeite in der Praxis Südafrika in die Hände. In dieser Hinsicht kommen die Autoren zu einem ähnlichen Schluß wie der Namibia-Experte Helmut Bley (Universität Hannover), welcher der "Bundesregierung maßgeblichen Anteil an der Verfestigung der Herrschaft Südafrikas in Namibia, der diplomatischen Aufwertung Südafrikas und der Tolerierung der Eskalation des Krieges im südlichen Afrika zumißt. Man muß dem Buch der Helbigs daher eine große Verbreitung wünschen und hoffen, daß es dazu beitragen kann, daß der "Mythos Deutsch-Südwest endgültig begraben wird und daß sich eine Sichtweise durchsetzt, die aus schließlich am Selbstbestimmungsrecht der Völker und an den grundlegenden Menschenrechten orientiert ist. Alexander Schölch