Von Hans-Joachim Müller

Blauer Gedankenkreis": Vor dem Bild fällt Harald Szeemann ins Schwärmen. Verdammt gut gemalt, der Kreis, wie er schwebe im kardinalroten Raum, und das kleine blaue Rechteck oben rechts im weißen Winkel...

Sigmar Polke und die verdammt gute Malerei. Angesichts einer etwas albern leiernden Apparatur, die eine Kartoffel um eine Kartoffel kreisen läßt, kann der Interpret nicht anders, er muß an "kosmische Zusammenhänge" denken. Wohin soll da ein Künstler befördert werden, dessen wild gewachsenes, wild verzweigtes Werk bisher nur das eine verläßlich im Sinn zu haben schien: die Luft aus großen Worten (und großen Zusammenhängen) zu lassen.

Eines der ältesten Bilder der ausgreifenden Polke-Ausstellung, die Harald Szeemann im Zürcher Kunsthaus mit spürbarer Ergriffenheit eingerichtet hat, heißt "Goethes Werke" und zeigt fünf lederne Buchrücken. Eines der jüngsten Bilder ist eine wirbelnde Komposition aus Blau und Gelb und Rot und Grün und heißt "Frau Tuchers Tuch". Und mitten im Grün steckt ein gerollter Zwanzigmarkschein.

Dazwischen berichtet Sigmar Polke von den erstaunlichsten Geschäften, Anstrengungen und Begebenheiten. An Bambusstangen hat er 1968 einen "Wiederbelebungsversuch" unternommen, indem er sie in eine Wasserschüssel stellte. Zwei Jahre zuvor hat er ausführlich dokumentiert, wie er vor der Leinwand stand, einen Blumenstrauß malen wollte, von höheren Wesen aber den Befehl bekommen habe: "Keinen Blumenstrauß! Flamingos malen! Düren Hase existiert in verschiedenen handarbeitlichen Adaptionen, mal "Dispersion auf Stoff", mal "Gummiband auf Stoff". Und eine längere Homage-Reihe gilt Kunst und Künstlern dieses Jahrhunderts. Polke hat Herrensocken gemalt, "Langeweileschleifen", seine Handlinien auf eine Weltkarte projiziert und ein Bild "Hannibal mit seinen Panzerelephanten" gewidmet. Einmal ist er konzeptualistisch, dann wieder alchemistisch. Baut Bilder aus Rasterpunkten, setzt Bilder auf Dekostoffe und Wolldecken, mixt Bilder mit Lacken und bröselnden Pigmenten.

Eine zwanzigjährige nennerlose Kunstbemühung. Es gibt kaum einen Aufsatz über Sigmar Polke (auch im neuen textreichen Katalog), dem nicht diese signifikante Nichtseßhaftigkeit zentrales Thema wäre. Alle bekennen, daß der Mann nicht zu packen sei, und alle kriegen sie ihn dann doch irgendwie. Aber dann ist Polke meist schon wieder über alle Berge. Hinterläßt Spuren, auf die kein Muster paßt.

Mit schon neurotischer Wachheit reagiert er auf das tägliche Erfahrungsgemenge. Entdeckt allenthalben Absonderlichkeiten, Kohärenzverluste, Scheinlogik. Dagegen hat er nichts als sardonisches Gelächter aufzubieten. In seinem Entlarvungstrieb erfüllt er alle terminologischen Voraussetzungen des Kynikers. Sein "Schimpftuch" zum Beispiel steht in guter Diogenes-Tradition. Wobei nicht die Unflätigkeiten, die da aufgeschrieben sind, das eigentlich Lästerliche sind, sondern wie sie sich als Wandbild mächtig in die Brust werfen, den dröhnenden Kunstanspruch mimen und ja auch prompt in eine gierige Privatsammlung geraten sind.