Am 6. Juni jährt sich zum vierzigsten Mal der "längste Tag", an dem die alliierten Truppen über den Ärmel-Kanal setzten und an den Stränden der Normandie den Kampf um die Befreiung Frankreichs aufnahmen. Am 6. Juni 1984, so hört man, wollen dort François Mitterand, Ronald Reagan, Margaret Thatcher und viele andere eines Sieges gedenken, aber keine Siegesfeier begehen. Bundeskanzler Helmut Kohl wird nicht dabei sein.

Hätte Kohl eingeladen werden sollen? Diese heikle Frage haben nicht die Deutschen zu beantworten. Hätte es Kohl allenfalls als Demütigung empfunden, geladen zu werden? Nein, im Gegenteil; wie die meisten seiner Landsleute hätte er dies als ein weiteres Zeichen der Ausöhnung begriffen. Warum ist der deutsche Kanzler nicht eingeladen worden? Den Gastgeber Mitterrand nach seinen Gründen zu fragen, ob es nun politische oder persönliche sind, wäre taktlos; vielleicht möchte er jene Franzosen nicht brüskieren, die den Deutschen schwerlich verziehen haben.

Jedenfalls legt Mitterrand wohl keinen Wert auf die Anwesenheit des Bundeskanzlers, den er wenige Tage zuvor in der Kette ihrer regelmäßigen Begegnungen zum Gespräch getroffen haben wird. Die enge Zusammenarbeit mit den heutigen Verbündeten ist dem Franzosen ein wichtiges Anliegen, nicht aber zu geschichtsbeladener Stunde das Zusammensein mit einstigen Feinden. Auf den Zeitgeist und die Deutschen wird soweit Rücksicht genommen, daß auf ihrem Soldatenfriedhof ein Kranz niedergelegt werden soll; aber nicht soweit, daß Helmut Kohl dabei erwünscht wäre.

In der Normandie findet eine Gedenkfeier statt; des Sieges gedenken die Sieger unter sich. Ro.