Italien beweist Geschick bei der Erschließung neuer Brennstoffquellen

Wenn in der italienischen Politik oder Wirtschaft niemand mehr weiter weiß, dann wird der stellone beschworen, der Glücksstern, Er sorgt dafür, daß ein Kompromiß zustande kommt, daß plötzlich irgendwer einen großen Kredit gibt, daß die Nation unerwartet an einem Unglück vorbeirutscht. Italiens neuer Glücksstern ist die VEGA, genau gesagt VEGA 1.

So heißt die Probebohrung im Meer südlich von Sizilien, die ein neues ergiebiges Ölfeld aufgeschlossen hat. Italien, das fast keine eigenen Energiequellen hat und im vergangenen Jahr mühevoll 2,4 Millionen Tonnen Erdöl aus dem Lande bohrte, kann in zwei bis drei Jahren, wenn alles gutgeht, allein aus diesem neuen Offshore-Feld vier bis fünf Millionen Tonnen holen. Schon redet man von einer "kleinen Nordsee". Denn die VEGA 1 steht nicht alleine da.

Zwischen Sizilien, Tunesien, Malta und Libyen sind in letzter Zeit mehrere Ölfelder gefunden worden. Eins davon liegt auf dem tunesischen Festlandsockel, ein anderes, das besonders viel verspricht, wurde südlich von Malta in einer Zone geortet, die Libyen zu seinem Einflußbereich zählt. Als ein Bohrteam der staatlichen italienischen Energiegesellschaft AGIP vor fast zwei Jahren im Einvernehmen mit Malta in Gewässern nach Öl suchte, die Dom Mintoff als zu Malta gehörig ansah, wurde es mit Gewaltandrohung von Ghadafis Flotte vertrieben.

Inzwischen haben sich Rom und Tripolis geeinigt: Die AGIP fand Öl in einem anderen Seegebiet, das Libyen für sich reklamiert. Dieses Feld von Buri hat die AGIP nun zur exklusiven Ausbeute erhalten. Ab 1986/87 wird auch hier das schwarze flüssige Gold reichlich sprudeln. Die AGIP darf es, natürlich gegen ebenso reichliche Royality-Zahlungen an Tripolis, nach Italien leiten.

Was vor wenigen Jahren noch unmöglich schien, ist der staatlichen Energie-Holding jetzt gelungen: Noch in diesem Jahr wird die AGIP die Hälfte des eigenen Bedarfs an Rohöl aus eigenen Quellen beziehen, nämlich 15 Millionen Tonnen. Außer sieben italienischen Ölquellen sprudeln für die AGIP 34 Bohrlöcher in Tunesien und Ägypten, Nigeria, Angola, in Kanada und den USA, im Kongo, an der Elfenbeinküste und in Indonesien. In Zusammenarbeit mit anderen Gesellschaften fördert die AGIP auch in der Nordsee. An VEGA 1 ist sie mit vierzig Prozent beteiligt. Die AGIP-Fachleute machen außerdem gerade einen Fund in Algerien verwertungsreif und hoffen, im Südchinesischen Meer auf Öl zu stoßen. Der Schürfvertrag mit der Volksrepublik China ist von Peking so ausgeklügelt worden, daß er zwar der AGIP keine erheblichen Gewinnchancen läßt, aber andererseits beim Fündigwerden auch die Übernahme eines Teiles der Bohr- und Aufschlußkosten durch die Volksrepublik vorsieht.

Ingesamt haben die AGIP-Suchtrupps in 27 Ländern die kommerziell verwertbaren Reserven trotz höherer Förderung im vergangenen Jahr um vierzig Millionen auf 283 Millionen Tonnen erhöht. Dazu kommen Gasreserven, die 208 Millionen Tonnen Erdöl entsprechen. Die AGIP steht mit diesen Reserven an siebter Stelle in der Welt. Da die Gruppe erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den internationalen Wettbewerb eingetreten ist, sieht sie mit einigem Stolz auf dieses Ergebnis.