Werter Herr Papst! Ich ging nach Italien, um von hier aus nach Amerika fahren zu können, wurde aber in Ancona verhaftetet ... Ich bitte Hochwürden herzlichst, mir mit einer Schuhspende zu helfen." So schrieb an Pius XII. am 3. November 1948 ein Gottfried R. von der Insel Lipari. Im dritten Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg war er in einem der – etwas verharmlosend – als "Ausländer-Sammelzentrum" (Centro Raccolta Stranieri) bezeichneten italienischen Internierungslager gelandet. Sein

Brief, einer von vielen, liegt nicht im Geheimarchiv des Vatikans, sondern bei den hinterlassenen Papieren des österreichischen Bischofs Alois Hudal, der von 1923 bis 1952 Rektor des "Anima" Priester-Kollegs in Rom gewesen ist. Leuten, die weniger Pech und mehr zu verbergen hatten als Gottfried R., hat Hudal nicht nur Schuhe, sondern wichtigere Reiseutensilien verschafft:

Er habe nach 1945 seine "ganze karitative Arbeit in erster Linie den früheren Angehörigen des Nationalsozialismus und Faschismus, besonders den sogenannten Kriegsverbrechern geweiht.... und nicht wenige mit falschen Papieren ihren Peinigern durch die Flucht in glücklichere Länder entrissen", brüstete sich der Bischof mit holprigem Stil in seinen 1976, dreizehn Jahre nach seinem Tod, gedruckten Memoiren ("Römische Tagebücher", Graz).

Deshalb habe man ihn dann "als untragbar für die Vatikanpolitik" zu Fall gebracht, klagte der Bischof und beteuerte zugleich, er habe sich schließlich, wenn auch "blutenden Herzens", von seinem Traum eines "christlichen Nationalsozialismus" gelöst. Hat aber Hudal, der im Vatikan niemals wohnte oder tätig war, ganz ohne dessen Wissen, Hilfe oder Auftrag gehandelt? Handeln können? Stimmte es etwa nicht, wenn der amerikanische Sicherheitsbeamte La Vista am 15. Mai 1947 "top secret" aus Rom nach Washington berichtete, der Vatikan sei "die größte Einzelorganisation, die in die illegale Bewegung von Auswanderern verwickelt ist"??

Über Rom sind zwischen 1948 und 1951, nach eigenen Aussagen, Figuren von trauriger Prominenz nach Südamerika entkommen: der Hauptorganisator des Massenmords an den Juden, Adolf Eichmann (als "Riccardo Klement"), der Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka, Franz Stangl, und der "Erfinder" der Gaskammern, Walter Rauff. Immer wieder wird dafür nicht nur dieser oder jener katholische Priester, Ordensangehörige oder Papstbedienstete verantwortlich gemacht, sondern "der" Vatikan – ein Begriff, der nach ungenauem Sprachgebrauch sowohl den geistlichen Apparat des Vatikanstaats wie den Papst selber meint. Aber auch Klöster und andere, keineswegs vatikaneigene oder auf Vatikangebiet liegende kirchliche Einrichtungen figurieren als "Vatikan", ja manchmal einfach als "die" römische Kirche.

Auch der Verfasser jenes Geheimdienstberichts, der New Yorker Rechtsanwalt Vincent La Vista (1906-1951), kümmerte sich nicht um genauere Unterscheidung. La Vista, der erst Mitte 1947 von der Abteilung für "Protective Services" des State Department der neuen Botschaft in Rom zugeteilt wurde, sammelte eine – ihn selbst verwirrende – Fülle von Fakten und Namen über jene römische Flucht-Route, die später im Agentenjargon auch "rat line" genannt wurde. Doch keineswegs nur "Ratten" verließen das (von ihnen versenkte) "Schiff", dieses materiell und moralisch verwüstete Nachkriegs-Europa, das Hitler hinterlassen hatte.

Eine kaum vorstellbare Menschen- und Völkerwanderung war im Gange. Nicht von ungefähr beschreibt La Vista mit dem Mißtrauen eines ordnungsliebenden, unter chaotischen Umständen arbeitenden Beamten auch die (nach der "vatikanischen") zweitgrößte Fluchtorganisation in Rom: die für die jüdischen Überlebenden des Holocaust. Die meisten von ihnen wollten nach Palästina, wo ihnen die Briten damals die Einreise verwehrten. In Rom konnte anscheinend allen geholfen werden: den heimatlosen Opfern wie ihren Henkern, entlassenen und geflohenen Kriegsgefangenen, Häftlingen, Zwangsarbeitern, wirklichen und angeblichen Flüchtlingen oder Vertriebenen verschiedenster Nationalität, jenen aus den deutschen Besatzungszonen, zumal der sowjetischen, aus dem noch geteilten Österreich, aus Polen, Jugoslawien, Ungarn, der Ukraine und der Tschechoslowakei, solchen, die der Ungerechtigkeit entgehen wollten – oder aber der gerechten Strafe. Gemeinsam war fast allen, daß sie etwas zu essen, Kleidung, Geld, und vor allem zur Weiterreise Dokumente brauchten, die ihre Identität bestätigten – oder sie mit einer neuen ausstatteten.