ben dürfte; im Nachlaß Hudals liegen bis heute Exemplare mit offenkundig falscher Numerierung und für Personen mit erfundenen römischen Adressen. Frölichsthal, bis zum „Anschluß“ Österreichs Sekretär des Bundeskanzlers Schuschnigg, war 1938 vor den Nazis aus Wien geflohen, hatte mit seiner Familie in Rom Zuflucht gefunden und sich zuletzt bei den Addolorata-Schwestern – zusammen mit Willy Nix – vor den Schergen Hitlers verstecken müssen. Er hat Hudals politische Gesinnung gewiß nicht geteilt. Hat er sie also ignoriert? Sein damals 18jähriger Sohn (heute Österreichs Botschafter in Rom) hält das für denkbar. Anders als heute war zu jener Zeit für einen kirchentreuen Katholiken wie Frölichsthal die bischöfliche „Exzellenz“, noch dazu im Heiligen Rom, über jede Kritik erhaben und allen ehrfurchtsvollen Vertrauens würdig.

Eben dies hat Hudal auch zu nutzen verstanden, wenn er für seine dubiosen Schützlinge Papiere brauchte, und umgekehrt wurde er selber benutzt, wenn andere – auch zu harmloseren Zwecken – bischöfliche Unterstützung benötigten. Nur im Vatikan selber wollte man aus gutem Grund möglichst wenig mit ihm zu tun haben. Auf Hudals schriftliche Bitte an den Papst, er möge ihn offiziell mit der Betreuung der Deutschen in den Lagern betrauen, entschiea Pius XII. am 1. November 1944: „Wenn Monsignor Hudal den bedürftigen Deutschen in Rom und Italien helfen will, soll er es nur tun, aber im eigenen Namen und auf eigene Kosten – die, ,Anima‘ (Hudals Kolleg) hat dazu sicher beträchtliche Finanzmittel.“

Geld war ebenso nötig wie ein Reise-Dokument, wenn man nach Übersee emigrieren wollte. Beides auch für Leute wie Stangl (oder Eichmann oder Barbie) zu beschaffen, wurde nun vor allem durch eine Einrichtung erleichtert, die auf Grund ihres ideellen Selbstverständnisses und völkerrechtlichen Status’ grundsätzlich nur nach menschlicher Schutzbedürftigkeit fragt, niemals nach politischer Orientierung und moralischem Verhalten; das Internationale Rote Kreuz (IRK).

In dessen Genfer Zentrale entstand im Februar 1945 – drei Monate vor Kriegsende – ein ganz ungewöhnliches Reisedokument; es durfte nicht „Paß“, sondern nur „Reise-Titel“ (titre de voyage, heißen; sein „Erfinder“ war der österreichische Fürst Johannes von Schwarzenberg, der – mit schweizerischer Staatsangehörigkeit – während des Zweiten Weltkrieges beim Genfer Internationalen Roten Kreuz zuständig für Zivilinternierte gewesen war und nun auch das Flüchtlingselend mildern wollte. Das Papier sollte „allen Personen ausgestellt werden, die der Krieg auf diese oder jene Weise gezwungen hat, ihr reguläres Aufenthaltsland zu verlassen, unter der Bedingung, daß ihnen ein gültiger Paß fehlt, ein neuer nicht beschaffbar ist, das Land ihres Aufenthaltes sie ausreisen und das Land, wohin sie sich zu begeben wünschen, sie einreisen läßt“.

So hat das Rote Kreuz am 22. Juli 1947 auf eine kritische Anfrage der amerikanischen Botschaft in Bern den Zweck des „Reise-Titels“ definiert. Es teilte mit, daß bis dahin schon 25 000 Stück ausgestellt waren.

Schon auf dem Titelblatt des siebensprachigen, gebührenfrei ausgestellten Papiers (siehe Faksimile Seite 10) findet sich sehr kleingedruckt die paradoxe, durch alles Folgende sogleich widerlegte Feststellung: „Dieses Dokument gilt nicht als Personalausweis.“ Auf der ersten Seite wird hinzugefügt: „Dieses Dokument wurde auf Ersuchen des Inhabers ausgestellt, da dieser erklärt, weder einen gewöhnlichen noch einen provisorischen Paß zu besitzen, noch sich einen solchen beschaffen zu können. Dieses Dokument besagt nichts Endgültig über die Staatsangehörigkeit des Inhabers, die dadurch überhaupt nicht berührt wird. Der unterzeichnete Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz erklärt, er habe dieses Schriftstück ausgestellt, um dem Inhaber zu gestatten, seine Anwesenheit an seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort zu rechtfertigen [!] und ihm die sofortige oder spätere Rückkehr in sein Ursprungsland oder seine Auswanderung zu erleichtern. Er [der Delegierte] bestätigt, von ihm [dem Inhaber] nachstehende Angaben über seine Personalien erhalten zu haben.“ Diese wurden auf der zweiten Seite handschriftlich eingetragen.

Auf der dritten Seite konnte der Inhaber mit Unterschrift erklären, „daß er als Kriegsgefangener, Internierter oder Deportierter zurückgehalten oder als Zivilarbeiter beschäftigt wurde“ – er konnte diese Angabe aber auch unterlassen. Als Reiseziel konnte er eine beliebige Zahl von Ländern angeben, und hier wurde auch die Gültigkeit des Dokuments vermerkt: „ein Jahr“ (nicht ein halbes, wie Genf den Amerikanern mitteilte). Während die Seiten 6 und 7 für Visa freigehalten wurden und Seite 5 die Unterschrift des Rot-Kreuz-Delegierten, seinen Stempel sowie den Fingerabdruck („unerläßlich“) und das Photo („nach Belieben“) des Inhabers zeigte, wurde auf Seite 4 zusammen mit der Personenbeschreibung (Haare, Augen, Nase) etwas Wichtiges vermerkt: die „Bestätigung obiger Erklärungen“.