Von Heinz-Günter Kemmer

Zwei Zitate verdeutlichen das Problem: Anfang Januar kündigte Heinz Heiderhoff, Vorstandsmitglied des Stromriesen Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG (RWE) an, daß Kohlestrom wegen der Umweltschutzauflagen um eineinhalb bis zweieinhalb Pfennig je Kilowattstunde teurer werden müsse. Ende März sagte Thyssen-Chef Dieter Spethmann in der Hauptversammlung seiner Gesellschaft, ein Pfennig mehr je Kilowattstunde bedeute für die deutsche Stahlindustrie eine Mehrbelastung von 200 Millionen Mark im Jahr.

Bringt man diese beiden Aussagen zusammen, dann kommt auf die Stahlindustrie im ungünstigsten Fall eine Kostenlawine von jährlich 500 Millionen Mark zu. Zwar steht das nicht unmittelbar bevor, weil das RWE die Stromlieferungsverträge mit der Industrie Ende vergangenen Jahres mit der Absicht gekündigt hat, von Mitte 1985 an die Möglichkeit für die Erhöhung der Strompreise zu haben. Aber für die Stahlindustrie, die vielleicht 1985 gerade wieder die Nase über Wasser bekommen könnte, wäre das mehr als eine kalte Dusche.

Noch ärmer dran sind freilich jene Unternehmen, die Ende der sechziger Jahre langfristige Verträge mit den Stromversorgern – meist über zwanzig Jahre – abgeschlossen haben und sich nun für Ende dieses Jahrzehnts auf neue Konditionen einstellen müssen. Dabei geht es im wesentlichen um Aluminiumhütten, die – oft genug unter sanftem Druck der Landesregierungen, die um die Ansiedlung neuer Industrien bemüht sind – derzeit zu traumhaft niedrigen Preisen beliefert werden. Diese Preise sind längst nicht mehr kostendeckend; andere Verbraucher müssen über höhere Tarife den Ausgleich schaffen.

Damit soll es bei Auslaufen der Verträge ein Ende haben – so jedenfalls die Meinung von Günther Klätte, der im RWE-Vorstand für die Strompreise zuständig ist. Für ihn gibt es nur die Möglichkeit, die Kosten gerecht und nicht nach der Tragfähigkeit oder Bedürftigkeit an die Kunden weiterzugeben. Wer viel Strom verbraucht und dies auch noch gleichmäßig über das ganze Jahr, der soll weniger für die Kilowattstunde zählen als einer, dessen Verbrauchskurve große Ausschläge aufweist. Weiter soll das Entgegenkommen nicht gehen.

Daß dies für manchen Produktionszweig den Standort Bundesrepublik indiskutabel machen würde, rührt Klätte nicht: "Mir steht keine Entscheidung darüber zu, ob es in diesem Lande Aluminiumhütten, Chlorchemie und Elektrostahlwerke geben soll." Und er stellt die rhetorische Frage: "Soll en wir jetzt vielleicht wirtschaftspolitisches Schicksal spielen?"

Klätte hat auch eine Antwort auf die Frage, ob denn nicht die Stromwirtschaft in den sechziger Jahren durch ihre niedrigen Preise Standortbedingungen geschaffen habe, die schon damals unrealistisch waren. Er kontert mit dem Begriff von der "Theorie der zuwachsenden Leistung". Dies bedeutet, kurz gesagt, daß früher jedes neue Kraftwerk den Strom billiger produzierte als alle zuvor gebauten. In jenen glücklichen Jahren hielt man es für denkbar, daß Atomstrom für zwei Pfennig je Kilowattstunde herzustellen sei; das Großkraftwerk Mannheim wollte Strom aus Öl für 1,8 Pfennig je Kilowattstunde produzieren.