Einen Erfolg können die Gewerkschaften, die mit den Mitteln des Arbeitskampfes die 35-Stunden-Woche erzwingen wollen, zumindest verbuchen: Die Diskussion um die Arbeitszeitverkürzung ist zum alles beherrschenden innenpolitischen Thema geworden. Allerdings müssen die Funktionäre sich die Frage stellen, ob dies ihrer Sache eher nützt oder schadet, und ob es nicht ihr einziger Erfolg in dieser Auseinandersetzung bleiben wird.

Die IG Metall und die IG Druck strapazieren die Solidarität ihrer Mitglieder in einem Ausmaß wie wohl noch nie zuvor. Sie verlangen von ihnen, daß sie für eine Forderung streiken, die bei der großen Mehrheit der Bevölkerung insgesamt, bei der Mehrzahl der Arbeitnehmer und sogar bei dem größeren Teil ihrer eigenen Mitglieder auf Unverständnis und teilweise auf offene Ablehnung stößt. Dies alles wird durch die Geheimniskrämerei der IG Druck bei den sogenannten Urabstimmungen und den dadurch genährten Verdacht von Manipulation und Funktionärswillkür noch verstärkt. Selbst unter denen, die schließlich aus alter Anhänglichkeit, unter dem psychologischen Druck ihrer Kollegen und Vertrauensleute oder wegen der suggestiven Fragestellung für einen Streik stimmen, werden viele von großem Zweifel geplagt, ob sie damit nicht in Wirklichkeit gegen ihre eigenen Interessen handeln.

Die Verärgerung über die undurchsichtige Taktik der IG Druck wächst mit jedem Tag – in der Öffentlichkeit, bei den anderen Gewerkschaften, bei den eigenen Mitgliedern. "Nach diesem Streik trete ich aus der Gewerkschaft aus", sind gewiß nicht repräsentative, aber keineswegs seltene Äußerungen in diesen Wochen.

Wie die Stimmung in vielen Betrieben ist, wurde auch bei einer Diskussion über die 35-Stunden-Woche deutlich, die der Südwestfunk für sein Drittes Fernsehprogramm inmitten einer Werkhalle veranstaltet hatte. Die große Mehrheit der Mitarbeiter der Firma Translitt empörte sich nicht nur über die starre Haltung der Arbeitgeberverbände. Sie stand den gewerkschaftlichen Forderungen ebenfalls mehr als skeptisch gegenüber. Auch wenn die Angehörigen der Belegschaft es nicht so gelehrt und geschliffen formulieren konnten wie studierte Ökonomen: Eine Strategie, deren erklärtes Ziel es ist, mehr Arbeitsplätze dadurch zu schaffen, daß die Arbeit drastisch verteuert wird, widerspricht ihrer Lebenserfahrung. Die Bereitschaft, für eine Verkürzung der Arbeitszeit einen Arbeitskampf zu riskieren, ist dementsprechend gering. "Wenn ich zwei Wochen streike, brauche ich in der dritten Woche erst gar nicht wiederzukommen, dann ist mein Arbeitsplatz kaputt", erklärte einer unter dem Beifall der Kollegen. Und als zum Schluß einige der als Gäste teilnehmenden Funktionäre der IG Metall ein Spruchband mit der Forderung nach der 35-Stunden-Woche hochhielten, standen Mitglieder der Belegschaft auf, um es zu verdecken – und die Kollegen lachten und klatschten.

Die Arbeitgeberverbände sollten sich allerdings nicht einbilden, daß der Sympathieverlust der Gewerkschaften automatisch ihr Gewinn sei. So wie viele ihrer Funktionäre sich jetzt in der Öffentlichkeit aufführen, gewinnen sie weder die Köpfe, geschweige denn die Herzen. Nicht nur von den Translift-Mitarbeitern wird heute an beide Seiten empört die Frage gestellt, wieso wir uns alle von uneinsichtigen, arroganten oder zum Krisenmanagement unfähigen Verbandsfunktionären in eine soziale Auseinandersetzung hintreiben lassen müssen, die von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wird. Aber müssen wir? Stell die vor, es wäre Streik, und niemand macht mit... Michael Jungblut