"Streit zwischen Liebenden" – Seite 1

Von Wilfried Kratz

Das Londoner Zeitungsviertel Fleet Street ist immer gut für Schlagzeilen über sich selbst. Das jüngste Beispiel liefert die Sonntagszeitung Observer. Dort ist zwischen dem Eigentümer – dem Mischkonzern Lonrho – und der Redaktion über die journalistische Unabhängigkeit des traditionsreichen Blattes ein heftiger Streit im Gange, der in bisher nicht gekannter Weise in der Öffentlichkeit ausgetragen wird.

Die Auseinandersetzung ist ein Kampf David gegen Goliath. Den Goliath spielt der 67jährige starke Mann von Lonrho, Roland Rowland, der in ironischer Anspielung auf den Spitznamen Tiny (winzig) hört. David ist der 46jährige Chefredakteur Donald Trelford, der zwar keinen Konzern im Rücken hat, dafür aber eine Garantie redaktioneller Freiheit auch gegenüber "der Meinung und den geschäftlichen Interessen des Eigentümers". Überdies ist Trelford in gewisser Weise gegen Entlassung geschützt Tiny Rowland sieht darin kein größeres Problem. Er droht damit, einfach das ganze Blatt zu verkaufen, wenn er Trelford nicht loswerden kann. Vor der Tür steht als möglicher Käufer bereits ein Unternehmer ähnlichen Zuschnitts. Robert Maxwell würde den Observer nur zu gern sein eigen nennen. Er muß sein Interesse aber einstweilen zurückstellen, denn Rowland erklärte am Wochenende überraschend: "Es war alles nur ein Streit zwischen Liebenden." Der Observer werde nicht verkauft, sondern ausgebaut.

Unmittelbarer Anlaß des Zerwürfnisses ist ein Bericht, den Trelford am 15. April nach einem Besuch in Simbabwe im Observer veröffentlichte. Rowland hatte dem Chefredakteur dank guter Beziehungen im früheren Rhodesien Türen geöffnet und ein Interview mit Ministerpräsident Robert Mugabe vermittelt. Die Leute in Harare wollten dem Gast aus London zeigen, wie die Lage in ihrem Lande "wirklich" ist.

Aber Trelford funktionierte nicht so, wie Rowland und Mugabe sich das vorgestellt hatten. Er machte sich nach verschiedenen offiziellen Interviews in das für ausländische Journalisten verbotene Matabele-Land auf und sammelte innerhalb von 24 Stunden Augenzeugenberichte und Dokumente, die das erhärten, was andere Quellen, darunter die katholischen Bischöfe, in Simbabwe selbst sagen und was in der Weltpresse zu lesen ist: Angehörige der Armee, vor allem die aus den Shona-Stämmen rekrutierte fünfte Brigade, verübten Greueltaten und Folterungen im Stammesgebiet der Ndebele.

Nach Harare zurückgekehrt, beschloß Trelford, nur sparsam Gebrauch von den Interviews zu machen, dafür aber ausführlich seine Erlebnisse in Matabele-Land zu beschreiben. Sein Bericht vermittelt den Eindruck, daß die Kräfte um Mugabe die "Dissidenten" in Matabele-Land unterdrücken, aus dem Mugabes ausgebooteter Rivale Josuah Nkomo stammt, und auf dem Wege zum Einparteien-Staat Nkomos konkurrierende Zapu-Partei zerschlagen.

Rowland konnte das Erscheinen des Artikels nicht verhindern. Aber er kabelte sofort eine Entschuldigung an Mugabe, in der er das Verhalten Trelfords "unhöflich, unredlich und falsch" nannte und sich von dem "Sensationsartikel" distanzierte, der sich auf keinerlei Nachforschung stützte und nicht belegt sei.

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In London setzte er die Fehde mit einem Brief ("Mein lieber Donald") fort, den er gleich veröffentlichte. Nein, die Sache sei überhaupt nicht persönlich zu nehmen, denn er (Donald) sei ja sein Freund. Aber Lonrho trage schließlich die finanzielle Verantwortung für die Zeitung, habe nur eine Minderheitsvertretung im Board und im übrigen nie die Vereinbarungen gebrochen, die Lonrho beim Erwerb 1981 eingegangen sei. Durch diese Vereinbarungen sei er (Donald) in einer Position, wie sie kein anderer Chefredakteur in Fleet Street genieße. Er dürfe aber gleichwohl nicht mit der Zeitung verfahren, als sei er der "Eigentümer-Chefredakteur". Rowland greift dann Trelford wegen des Artikels direkt an.

Trelford fühlt sich in seiner journalistischen Ehre getroffen und sieht die redaktionelle Freiheit der Zeitung gefährdet. Die Redaktion stellt sich hinter ihn, und die fünf unabhängigen Direktoren, die als Wächter der redaktionellen Unabhängigkeit installiert sind, rügen das Verhalten des Eigentümers als "unzulässige Einmischung in die genaue Darbietung der Nachrichten und die freie Meinungsäußerung".

Im Observer wird kolportiert, daß Rowland schon seit einiger Zeit wegen der Linie des liberalen Sonntagsblattes verstimmt ist, das die Politik der konservativen Regierung Thatcher zunehmend kritisch kommentiert. Daß es jedoch über die Simbabwe-Geschichte zur Explosion kam, hat seinen besonderen Grund. Rowland, 1917 als Sohn eines deutschen Vaters und einer englischen Mutter in Indien geboren, machte sein erstes großes Geld nach dem Krieg im damals britischen Rhodesien – seit vier Jahren das unabhängige Simbabwe.

Anfang der 60er Jahre stieß er zu Lonrho (London and Rhodesien Mining and Land Company). Weitgehend unter seiner Führung wurde daraus ein Mischkonzern mit einer verwirrenden Vielfalt von Interessen, einem Umsatz von 2,4 Milliarden Pfund und einem Gewinn vor Steuern von 113 Milliarden Pfund. Obwohl sich das Schwergewicht des Konzerns mit seinen 150 000 Beschäftigten allmählich nach Großbritannien und anderen Teilen der Welt verlagert hat, spielen die afrikanischen Länder und auch Simbabwe immer noch eine große Rolle.

Rowland hat sich ein sentimentales Verhältnis zu diesem Kontinent bewahrt, pflegt enge Beziehungen zu seinen Politikern und steuert seine geschäftlichen Interessen wie ein später Cecil Rhodes, der die mannigfachen Veränderungen geschickt in Rechnung stellt. In Rhodesien setzte Rowland auf Nkomo, entzog diesem aber über Nacht die finanzielle Unterstützung, als klar wurde, daß Mugabe als Sieger aus dem Machtkampf hervorgehen würde. Rowland arrangierte sich mit den Machthabern. Die Simbabwe-Geschichte in "seiner" Zeitung störte das Einvernehmen. Eine Distanzierung war zum Schutz der Lonrho-Interessen daher wohl verständlich.

Viele haben den Zusammenstoß schon vor drei Jahren kommen sehen, als Lonrho den fast zweihundert Jahre alten Observer vom Ölkonzern Atlantic Richfield kaufte. Der Erwerb war auf erheblichen Widerstand innerhalb und außerhalb des Observers gestoßen. Rowland bot deshalb Garantien für die redaktionelle Unabhängigkeit des Blattes an. Der zuständige Handelsminister überwies nach den Vorschriften des Wettbewerbsgesetzes die Sache an die Monopolkommission zur Prüfung.

Vor den Kommissaren bezweifelte der skeptische Trelford den Wert der Garantien und der Einschaltung der unabhängigen Direktoren mit Hinweis auf die ähnliche Konstruktion in der Times, wo der australische Verleger Rupert Murdoch schließlich doch der Zeitung seinen Willen aufzwang und den Chefredakteur Harry Evans feuerte. Wenn Lonrho dem Observer redaktionelle Unabhängigkeit gewähre, dann gebe der Konzern einer seiner Gesellschaften damit unbeschränkte Vollmacht, die Geschäftsinteressen von Lonrho in kritischen Teilen der Welt zu schädigen. Das mochte Trelford nicht so recht glauben.

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Nach langen Diskussionen wurden schließlich Vereinbarungen gefunden, welche die Regierung wie auch die Redaktion zufriedenstellten. Der Position der unabhängigen Direktoren als Aufpasser, Schlichter und Richter in letzter Instanz kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Zum Beispiel ist eine Zustimmung der Mehrheit dieser Direktoren für die Entlassung des Chefredakteurs (und auch der Direktoren selbst) erforderlich.

Rowland schluckte das alles, nur um den Observer zu bekommen. In der jüngsten Zeit registrierten Obserper-Journalisten und auch Kommentatoren anderer Zeitungen Anzeichen dafür, daß Rowland eine aktivere Rolle bei internen Veränderungen und dem Engagement von Mitarbeitern zu spielen begann. Er verstärkte den Druck auf Trelford, indem er ihm die finanziellen Verluste und den Rückgang der Auflage (754 000 im zweiten Halbjahr 1983) vorhielt. Observer-Leute halten entgegen, daß die Auflage immer noch höher sei als bei Trelfords Eintritt 1976 und daß Rowland selbst die Produktionskosten gesteigert habe, indem er hinter dem Rücken des Managements höhere Löhne für die Setzer und Drucker ausgehandelt habe.

Nun zieht Rowland die Schraube etwas an. Er verlangt Sparmaßnahmen, um den Observer aus den Verlusten zu bringen. Nach verschiedenen Zeitungsberichten will er sogar Anzeigen von Lonrho-Gesellschaften für den Observer stoppen. Eine der Lonrho-Firmen ist zum Beispiel der höchst erfolgreiche Generalimporteur für Volkswagen und Audi.

Die Sache hat mittlerweile Wellen bis ins Parlament geschlagen. Im Unterhaus verlangte Labour-Sprecher Peter Shore, daß Handelsminister Norman Tebbit die "Anmaßung des Geldes und die Arroganz der Macht" in der Bedrohung der Zukunft der Zeitung und ihrer Unabhängigkeit verurteile. Tebbit erklärte, er brauche noch nicht einzugreifen, denn niemand habe ihn bisher um die Genehmigung eines Verkaufs ersucht.

Am Wochenende schlossen Tiny und Donald einen labilen Frieden. Der von Rowlands fintenreichen Manövern verunsicherte Trelford bot seinen Rücktritt an und akzeptierte, daß Rowland nicht aus "rücksichtsloser Besorgnis" für seine kommerziellen Interessen interveniert habe, sondern "aus echter persönlicher Überzeugung, daß die Wahrheit über Simbabwe komplexer ist, als ich sie präsentierte".

Ein "äußerst glücklicher" Rowland wies das Rücktrittsangebot zurück, bescheinigte Trelford Integrität und versprach, daß er die Unterstützung für das Blatt verstärken werde, "bis der Observer Nummer eins auf dem Markt ist".

Die Observer-Journalisten nahmen die Bekundung weiterer finanzieller Hilfe dankbar entgegen und rühmten die "wertvolle Rolle, der unabhängigen Direktoren in der Schlichtung und Lösung solcher Streitigkeiten". Rowland hatte aber bereits kurz vorher zu Hieben gegen diese Direktoren ausgeholt. Nachdem er ihnen das jährliche Salär von 4000 auf 1000 Pfund (rund 3700 Mark) gekürzt hatte, erklärte er in einem Interview: "Irgendwann werde ich sie um ihren Rücktritt bitten."