Von Heinz Blüthmann

Vor fünf Jahren war Deutschland mit dem Wunderding weltweit Sptize, der Jubel groß. Der Industrie winkten glänzende Exportgeschäfte für einige Millarden Mark, und auch die Bürger hatten Grund zur Freude: Viele neue Fernsehprogramme aus dem In- und Ausland, zwischen Flensburg und Konstanz auf einen Schlag für jeden empfangbar, sollten nun technisch im Handumdrehen zu realisieren sein – völlig ohne Kabel

Solche fulminanten Chancen versprach ein revolutionärer Fernsehsatellit, dessen Signale von jedem Haushalt direkt mit handlichen Parabol-Antennen von sechzig bis neunzig Zentimeter Durchmesser aufgefangen werden können. Er bekam deshalb die Bezeichnung Direkt-Satellit. Der offizielle Name der bravourösen Ingenieurleistung: TV-Sat. Mit einer Bauhöhe von fast acht Metern, einer Breite von zwanzig Metern einschließlich der Sonnenpaddel und einem Startgewicht von 2,3 Tonnen ein wahrer Jumbo.

"Allen anderen Ländern ist die Bundesrepublik in der Entwicklung der neuen Sendetechnik voraus", schrieb damals der Spiegel und frohlocke: "Erstmals hat sie mit dem dafür benötigten fliegenden und sendenden Gerät auch die Großmächte im All überflügelt." Das Bonner Forschungsministerium, das den TV-Sat mit 250 Millionen Mark sponsorte, verfiel in die Fliegersprache, als es die Großtat stolz meldete: "Wer are ahead of the Americans."

Den deutschen Vorsprung schätzten die Entwicklungschefs Dietrich Koelle und Hans Kellermeier vom federführenden Luft- und Raumfahrtkonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) seinerzeit auf "mindestens zwei Jahre", Um ihn nicht zu verspielen, war der Start des ersten Prototypen TV-Sat 1 vom franko-guayanischen Raketenbahnhof Kourou für die Bundesrepublik bereits zur Jahreswende 1982/83 geplant. Kurze Zeit danach sollte, so sah es eine enge Kooperation zwischen Franzosen und Deutschen vor, ein baugleicher Satelliten-Zwilling für Frankreich folgen.

Heute, ein Jahrfünft nach dem hoffnungsvollen Aufbruch in ein neues Fernseh-Zeitalter, hat der hochgelobte deutsche Jumbo-Satellit viel von seinem einstigen Starglanz verloren. Erstens: Er ist immer noch am Boden, und nicht einmal fertig. Zweitens: Ein japanischer Konkurrent stahl ihm Anfang des Jahres die Premierenschau im All. Und drittens und schlimmstens: Den Postlern ist das Spitzenprodukt längst lästig geworden – sie wollen ihn nicht.

Der Reihe nach: Einziger Grund für den Zeitverzug, so räumt der Projekt-Manager Kuno Schneider von MBB freimütig ein, sind "technische Probleme". Die gemeinsam am TV-Sat arbeitenden Ingenieure von MBB und AEG-Telefunken sowie der französischen Staatsfirmen Aerospatiale und Thomson-CSF mußten bald feststellen, daß die ursprünglichen Termine zu ehrgeizig und nicht zu halten waren.