Von Dorothea Hilgenberg

Noch ehe die Diskussion in Fahrt kam, meldete Hamburgs Wissenschaftssenator Hans-Jörg Sinn Bedenken an: "Selbst wenn wir eine Erleuchtung hätten, müßte das die Hochschulen in der Zeit ihrer schwersten Belastung verunsichern." Später könne man immer noch reformieren, was zu reformieren wäre. Sein Gastgeber, der Berliner Wissenschaftssenator Wilhelm Kewenig, widersprach ihm heftig: "Die Weichen für eine Veränderung müssen bald und nicht erst in den 90er Jahren gestellt werden. Man muß darüber reden, wenn der Druck am größten ist."

Um über sein Modell eines Stufen-Studiums zu reden, hatte Kewenig seinen Hamburger Amtskollegen sowie zwölf andere Professoren und Bildungsexperten nach Berlin eingeladen – unter ihnen den Generalsekretär des Wissenschaftsrates, den Präsidenten der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK), einen Gewerkschafter und zwei Arbeitgebervertreter.

Sein Konzept, so scheint es, tut niemandem weh. Er plädiert weiterhin für eine Öffnung der Hochschulen, will aber die bis weit in die 90er Jahre in die Millionen gehenden Studentenströme so früh wie möglich kanalisieren und umlenken. Kewenigs Argument: 30 bis 40 Prozent der Absolventen verlassen die Universitäten mit einem "Übermaß an Wissen", das sie später nicht benötigen. Dazu in einem Alter, das mit Ende Zwanzig zu hoch ist. Ihnen und der hohen Zahl von Studienabbrechern (derzeit etwa 40 Prozent) sollen statt dessen nach etwa vier Semestern Zertifikate ausgehändigt werden, die den Abschluß der "ersten Etage" bescheinigen. ("Mini-Diplom" oder "Maxi-Abitur").

Nachdem die "Parterre-Studenten" die Hochschulen verlassen haben, könnten dann – so Kewenig – die "wirklich Begabten" in der zweiten oder dritten Stufe (Promotion) gezielt gefördert und zu entsprechenden Leistungen in der Forschung angespornt werden. Spitzenforschung will er nämlich nicht nach außen verlagern, sondern der deutschen Tradition entsprechend an den Universitäten etablieren. Die von Außenminister Genscher entfachte Debatte um private Elitehochschulen war für den Berliner Senatoren willkommener Anlaß, eigenen Vorstellungen Gehör zu verschaffen.

Von den in Berlin versammelten Experten unterschiedlicher politischer Couleur redete keiner einem Aufnahmestopp an den Hochschulen das Wort, aber alle waren unzufrieden. Man hatte keine Rezepte, aber Gemeinsamkeiten: "Wir sind uns einig, daß zu viele zu lange zu wenig gut an unseren Universitäten ausgebildet werden", faßte es Eberhard Böning vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft zusammen. Wie aber soll sinnvoll ausgebildet werden, wenn die Studenten wegen der schlechten Beschäftigungschancen noch länger an den Hochschulen bleiben?

wie so oft sollte das Thema Arbeitsmarkt ausgeklammert werden, und wie so oft führten fast alle Diskussionsstränge dorthin. Wenn voll ausgebildete Hochschulabsolventen kaum noch Aussicht auf Stellen haben, wurde gefragt, wie sieht es dann erst bei den "Parterre-Absolventen" aus? Vermutlich stehen sie noch schlechter da als Abiturienten, die gleich nach der Schule in die Lehre gehen. Das Mini-Diplom könnte auch kaum in Konkurrenz zum Diplom einer Fachhochschule treten.