Von Horst Rumpf

Konservative Gemüter sind seit eh skeptisch gegen den Glauben, daß sich durch fortschreitende Schul-Ausbreitung, durch die Verschulung der Geister tatsächlich Menschlichkeit und Vernunft in die Köpfe und die Herzen zwingen ließe. Erasmus von Rotterdam plädierte vor 450 Jahren gegen die scholastisch leerlaufende Schulmeistern genauso entschieden wie gegen die konfessionellen Frontkämpfer für eine Erziehung aus dem Geist des Gesprächs, wie er sie bei fast vergessenen Autoren der Antike vorgezeichnet fand.

Im Fortschrittsrausch der Aufklärung notierte, 250 Jahre danach, der skeptische Menschenbeobachter und Naturforscher Lichtenberg das Folgende: "Es ist ganz gut, viel zu lesen, wenn nur nicht unser Gefühl darüber stumpf würde, und über der großen Begierde, immer ohne eigene Untersuchung mehr zu wissen, endlich in uns der Prüfungsgeist erstürbe." Die von ihm immer wieder vorgebrachten Einwände gegen die buchgestützte Schnellinstruktion richten sich nicht gegen die Vernunft, sie wollen im Gegenteil die Nachdenklichkeit, den "Prüfungsgeist", der sich wirklich einläßt, retten gegen die Bescheidwisser und Schnelldenker, deren leere Köpfe nur mit Buch- und Schulwissen vollgepumpt wurden."

Johann Heinrich Pestalozzi schreibt um dieselbe Zeit (1780) gegen die "tausendfachen Künsteleien des Wortverkehrs und der Modelehrart", diese "mühselige Abführung von der Bahn der Natur": "Diese künstliche Bahn der Schule, die allenthalben die Ordnung der Worte der freien, wartenden, langsamen Natur vordrängt, bildet den Menschen zu künstlichem Schimmer, der den Mangel innerer Naturkraft bedeckt"; er kritisiert als einer, der etwas erhalten will gegen einen blinden Fortschritt, laden widrigen erschöpfenden Drang für den bloßen Schatten der Wahrheit, den Drang für Ton und Schall und Worte von Wahrheit, wo gar kein Interesse reizt, keine Anwendung möglich ist."

Daß etwas gleichzeitig ein Autor namens Goethe in seinem berühmten Theaterstück vom Doktor Faust eine höchst bissige Attacke gegen die lehrgangsmäßige und schulmäßige Zwiebelung des Nachwuchses geritten hat, das merken wir kaum noch, seit dieser Text kanonisiert ist. Nationaldenkmäler verehren wir lieber als uns von ihnen anfechten zu lassen.

Auch bei Autoren, die sich ausdrücklich in einer christlich-kirchlichen Tradition wissen; finden sich starke Einwände gegen die Verschulung des Menschengeistes. Der Katholische Pädagoge und Bischof Johann Michael Sailer schrieb im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts: "Die Erziehung ist so rein von Herrschsucht, daß es ihr Zweck ist, sich selbst entbehrlich, und den Zögling zur Selbstherrschaft früh genug und auf Dauer tüchtig zu machen"; und Sailer kritisiert jene Lehrer, die geschäftig und beflissen so unterrichten, "daß sie immer etwas zu tun hätten; gerade als wenn sie selber herrschen, und die Herrschaft nie an die Wahrheit abtreten wollten...; sie wollten lieber die Wahrheit entbehrlich machen als sich." Die Skepsis gegen eine betriebsame Didaktik, die davon überzeugt ist, die Erleuchtung der Menschen sei mit den Lehrmitteln der Schule planmäßig herzustellen, als seien Menschenköpfe fachmännisch zu bedienende Lernapparate – diese Schulskepsis begründet Sailer auf christliche und antike Traditionen, auf Augustinus wie auf Platon: Die Wahrheit ist nicht von außen in die Köpfe hinein zu manövrieren – ein grundlegender konservativer Zweifel an der Macht der Lehrer und des Schul-Arrangements.

Schließlich: Friedrich Nietzsche – Professor und Lehrer in Basel – wußte schon, wovon er sprach, als er 1874 in seinen "Unzeitgemäßen Betrachtungen" zu einer Kritik der Schule ansetzte, die deren Denaturierung und Entfremdung von allen großen Traditionen unserer Kultur an den Pranger stellte: "Ohne Beschönigung des Ausdrucks gesprochen: die Masse des Einströmenden ist so groß, das Befremdende, Barbarische und Gewaltsame dringt so übermächtig, ,zu scheußlichen Klumpen geballt‘, auf die jugendliche Seele ein, daß sie sich nur mit einem vorsätzlichen Stumpfsinn zu retten weiß. Wo ein feineres und stärkeres Bewußtsein zugrundelag, stellt sich wohl auch eine andere Empfindung ein: Ekel." Und: "So aber würde jener Mensch Kanon ungefähr lauten: der junge Mensch hat mit einem Wissen um die Bildung, nicht einmal mit einem Wissen um das Leben, noch weniger mit dem Leben und Erleben selbst zu beginnen ... das heißt, sein Kopf wird mit einer ungeheuren Anzahl von Begriffen angefüllt, die aus der höchst mittelbaren Kenntnis vergangener Zeiten und Völker abgezogen sind. Seine Begierde, selbst etwas zu erfahren und ein zusammenhängend lebendiges System von eignen Erfahrungen in sich, wachsen zu fühlen – eine solche Begierde wird betäubt und gleichsam trunken gemacht, nämlich durch die üppige Vorspiegelung, als ob es in wenig Jahren möglich sei, die höchsten und merkwürdigsten Erfahrungen alter Zeiten, und gerade der größten Zeiten, in sich zu summieren. Es ist ganz dieselbe wahnwitzige Methode, die unsere jungen bildenden Künstler in die Kunstkammern und Galerien führt, statt in die Werkstätte eines Meisters und vor allem in die einzige Werkstätte der einzigen Meisterin Natur."