In deutschen Großunternehmen wird der Vorstand oft nur ungenügend kontrolliert

Ich bedauere, daß die Entwicklung, die wir augenblicklich in Deutschland haben, dazu führt, daß der Aufsichtsrat immer weniger effizient arbeitet. Es gibt eine Tendenz, den Aufsichtsrat auszuhöhlen, so daß er am Schluß nur noch eine Farce ist, die dem Gesetz entspricht." Reinhard Mohn, seit fast drei Jahren selbst Aufsichtsratsvorsitzender des von ihm jahrzehntelang geführten Hauses Bertelsmann AG, wagt sich mit diesen Worten weit vor. Die heutige Bertelsmann AG gehört der Familie Mohn zu neunzig Prozent. Für diese Aktien besitzt AR-Chef Mohn das alleinige Stimmrecht.

Die "Aushöhlung von Aufsichtsräten" wird in der Regel nur hinter vorgehaltener Hand erörtert. In der Praxis ist es allerdings so: Selbst Chefs gemeinnütziger Firmengruppen begegnen dem Vorwurf, daß Mitbestimmung im Aufsichtsrat heute durch wirkungsvolle Ausschüsse häufig wirkungslos gemacht werde, mit resigniertem Kopfnicken: "Wie soll man sonst auch mit einem schulklassenstarken Aufsichtsgremium effizient arbeiten?"

Das Gesetz schreibt bei 20 Millionen Mark Grundkapital eine "Höchstzahl" von 21 AR-Mitgliedern vor. Auch in Gewerkschaftsbetrieben treffen sich Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-"Bänke" sowie der Vorstand jeweils getrennt, um dann beim großen Treffen der Einundzwanzig (plus Fachreferenten) weniger zu diskutieren als nur zu akzeptieren. Denn andernfalls werden Entscheidungen weniger beflügelt als verzögert.

Schon die bloße Zahl der Mandate, die einige Multi-Aufsichtsräte unter Deutschlands Managern ausüben, läßt mitunter Zweifel an der nötigen Kontrolle durch Aufsichtsräte aufkommen. Zwar begrenzt das deutsche Aktiengesetz seit 1965 die Aufsichtsratsmandate auf zehn pro Person; in der Praxis selbst aber sind mehr als zwanzig Mandate durchaus üblich. Denn: Aufsichtsratsvorsitzende bei Tochtergesellschaften gelten für die Vorstände von Konzernzentralen als sogenannte unechte Mandate.

Der Aufsichtsrat ist aber gesetzlich verpflichtet, mindestens zweimal im Jahr zu tagen; bereits der Gesetzgeber aber empfiehlt "in der Regel" vier Sitzungen. Die Berater Mülder & Partner, die eine gründliche Aufsichtsrats Studie erarbeitet haben, halten sogar acht Arbeitstage pro Jahr für ein einfaches Aufsichtsratsmandat für erforderlich, um der Aufgabe gerecht werden zu können. Vorsitz und Ausschußarbeit erfordern noch mehr Arbeitseinsatz. Nach Erfahrung der Frankfurter Berater ist "ein Mandat in einem mitbestimmten Aufsichtsrat in der Regel mit noch mehr Arbeit verbunden".

Bertelsmann-Eigner Mohn betont: "Der Aufsichtsrat muß die vom Vorstand entwickelte Politik durchdenken und dazu Stellung nehmen. Dieser Prozeß der Informationsaufnahme, der Prüfung und der Stellungnahme nimmt eine ganze Menge Zeit in Anspruch." Damit nicht genug: "Es muß auch die Frage aufgeworfen werden, ob die übliche Informationspraxis bei den Aufsichtsratsmitgliedern einen Wissensstand erzeugt, der ausreicht, Kontrollinitiativen zu ergreifen."