Von Klaus Viedebantt

Im Deutschen Museum in München herrscht Sonntagsstimmung. Das Haus brummt vor Hektik und Nervosität. Am Sonntag, dem 6. Mai, wird der Neubau für die Luft- und Raumfahrt eingeweiht. Noch haben die Raumpfleger und nicht die Raumfahrer das Kommando. Der Countdown läuft.

Er läuft bereits seit anderthalb Dezennien, seither steht fest, daß Deutschlands zentrales technisches Museum eine größere Ausstellungsfläche für die Nachfolger des Ikarus benötigt. Doch seit den Tagen des Museumsgründers Oskar von Miller (dessen derzeit mit einer Sonderschau gedacht wird) ist es eng geworden auf der Museumsinsel in der Isar. Wohin mit den voluminösen Fluggeräten der Neuzeit?

Für die wertvollen Originale und die Nachbauten aus den Pioniertagen der Luftfahrt war bereits im alten Museumsbau ein bescheidener Platz geschaffen. Auf 1000 Quadratmetern teilen sich die fragilen Gerätschaften von Lilienthal, Wright und Kollegen den kargen Raum mit Ballons und anderen Veteranen der Luftfahrt. Auch nach Fertigstellung des neuen Baus für die Flieger soll die Luftfahrt bis zum Ersten Weltkrieg am alten Platz bleiben. Der Neubau, 41 Millionen Mark teuer und je zur Hälfte vom Bund und von Bayern bezahlt, bietet jetzt für die Luftfahrt 7000 Quadratmeter neue Fläche, die Raumfahrt erhält sogar 11 000 Quadratmeter. Es bedeutete einige Mühe, den neuen Komplex, der die Gesamtschaufläche des Museums um ein Viertel erweitert, unterzubringen. Die Windmühle im Museumsgarten, ein beliebter Fremdkörper im Voralpenland, mußte umziehen.

Die Konzeption des dreigeschossigen Neubaus (im Keller sind Auto-Oldtimer abgestellt) ist hilfreich für den Überblick über die Gesamtgeschichte der Luftfahrt. Ein Innenhof, der durch die drei Geschosse reicht, verbindet optisch die Segel- und Propellerflugzeuge mit den Raketen und Raumkörpern der jüngsten Vergangenheit. Walter Rathjen, als Abteilungsleiter für Luft- und Raumfahrt aber auch für Schiffahrt und Meerestechnik zuständig, kann in seinen neuen Hallen einige Leckerbissen präsentieren: eine Junkers Ju 13, die auf einem afghanischen Schrottplatz entdeckt wurde und bei ihrem Jungfernflug 1919 wohl als das erste "echte" Verkehrsflugzeug der Welt bezeichnet werden konnte. Deutschlands erster Senkrechtstarter, die VJ 101 gehört zu den Raritäten wie auch Dorniers Do 335, die schnellste Serienmaschine des Propellerzeitalters, die vorne und hinten mit einem "Luftquirl" ausgestattet wurde. Das seltene Exemplar ist bereits seit 1972 in München, es ist eine Leihgabe aus den USA. Bereits vor vier Jahren hätte die Maschine zurückgehen sollen, aber es gelang Rathjen, den Leihvertrag bis 1985 zu verlängern.

Im Raumfahrtbereich sollen Dioramen den Irdischen eine Vorstellung von der Welt, Pardon, von den anderen Gestirnen der Astronauten vermitteln; Originaltriebwerke sollen einen Eindruck von den Dimensionen der heutigen Raumfahrzeuge ermöglichen. Die Phantasie des Beschauers ist dabei immer noch stark gefordert, denn angesichts der Reisemaschinen, mit denen sich die Menschheit inzwischen von Rhein-Main in die Luft oder von Cape Canaveral ins All begibt, sind die Museumsbauer natürlich in Schwierigkeiten. Wie will man den Stolz der deutschen Flugzeugbauer, den Airbus, in ein Museum holen, dessen Grundfläche der Hälfte eines durchschnittlichen Lufthangars entspricht? Rathjen entschied sich für ein Detail, das die Gesamtgröße ahnen läßt und zugleich eine besondere Ingenieurleistung der Airbus-Konstrukteure darstellt: eine Original-Tragfläche des großen europäischen Vogels.

Wer das großartige "Air and Space Museum" in Washington kennt, wird mit dem Münchner Pendant nicht vollends zufrieden sein. In München fehlte es an Platz und an Geld, um eine derartige Prachtschau zusammenstellen zu können. An sehenswerten Exponaten hätte es nicht gefehlt, denn in den Asservaten ruhen noch manche Prachtstücke, etwa das große Dornier Flugboot, das schon einmal auf der Isarwiese ausgestellt werden sollte. Aber dort hatten es die Kustoden nicht bewachen können. Jetzt hoffen die Museumsleute auf eine Halle im Bundeswehr-Fliegerhorst Erding in Oberschleißheim, wo heute bereits viele Soldaten zugunsten des Museums werkeln. Eines Tages, so die Hoffnung, könnte in Oberschleißheim wohl eine voluminöse Außenstelle der Luft- und Raumfahrtschau eröffnet werden.