Bei den meisten Börsenneueinführungen der vergangenen Monate handelt es sich um stimmrechtslose Vorzugsaktien. Dies tat der Nachfrage keinen Abbruch. Dennoch sollten solche Papiere. Ausnahmen bleiben.

Bei den Aktien, die in den vergangenen Monaten an der Börse neu eingeführt wurden, handelt es sich überwiegend um stimmrechtslose Vorzugsaktien, Papiere also, denen wesentliche Eigentümerrechte, darunter das Recht zur Mitbestimmung auf den Hauptversammlungen fehlen. Die großen Banken haben ihren inneren Widerstand gegen solche "kastrierten" Aktien, wie sie an der Börse spöttisch genannt werden, aufgegeben. Mit ihrer Zustimmung zur Börseneinführung stimmrechtsloser Vorzugsaktien von Wella, Porsche und demnächst von Nixdorf sind Präzedenzfälle geschaffen worden, auf die sich kleinere, ebenfalls an die Börse drängende Unternehmen berufen können.

Wie die Plazierungserfolge der jüngsten Zeit zeigen, sieht das deutsche Börsenpublikum in dem fehlenden Stimmrecht keinen ins Gewicht fallenden Nachteil. In der immer noch herrschenden Börsenaufbruchstimmung scheint es völlig gleichgültig zu sein, was angeboten wird.

In Großbritannien ist das anders. Das bekam jetzt der Informationskonzern Reuters zu spüren. Als er über die Schaffung von Mehrstimmrechtsaktien seinen bisherigen Inhabern auch nach der Börseneinführung ihren alten Einfluß auf die Gesellschaft sichern wollte, gab es eine kühle, bis zum Boykott gehende Ablehnung.

Bei uns in der Bundesrepublik sollen stimmrechtslose Vorzugsaktien die Alleinherrschaft der bisherigen Eigentümer weiterhin sichern. Daß dem Gesetzgeber bei einer solchen Möglichkeit nicht ganz wohl ist, läßt sich an der einschränkenden Bestimmung erkennen, wonach Vorzugsaktien nicht mehr als die Hälfte des jeweiligen Aktienkapitals ausmachen dürfen.

Für die bisherigen Alleineigentümer gibt es aber eine Hintertür. Ist mit dem Vorzugsaktienkapital die kritische 50 Prozent-Grenze erreicht oder droht sie, erreicht zu werden, bleibt der Ausweg über sogenannte Genußrechte offen. Sie besitzen in der Bilanz eigenkapitalähnlichen Charakter. Ihre Besitzer bleiben aber auf die Unternehmensführung völlig ohne Einfluß und werden auch bei einer Liquidation des Unternehmens nicht bevorzugt. In der Ausstattung der Genußrechte sind die Gesellschaften vom Gesetzgeber nicht eingeengt. Ausschlaggebend allein ist: Es müssen Käufer für diese Papiere gefunden werden. Bei der Drägerwerk AG war dies der Fall

Unternehmen, die sich nicht der Krücke "Genußrechte" bedienen wollen, sondern mehr dem klassischen Weg bei der Kapitalbeschaffung huldigen, können auch dann ihrer Gründerfamilie den herrschenden Einfluß sichern, wenn sie neben 50 Prozent Vorzugsaktienkapital noch 25 Prozent des Stammkapitals (minus einer Aktie) für den Börsenhandel freigeben. Mit dem verbleibenden 25 prozentigen Kapitalanteil (plus einer Aktie) behalten sie auf den Hauptversammlungen die Stimmenmehrheit. Denn die Vorzugsaktien sind ja nicht stimmberechtigt.