Von Cordt Schnibben

Totenstille auf der Tribüne. Hämmern und Sägen an den Boxen. Ruhig blubbert der Motor im Leerlauf. Brav jault er auf, wenn mein Fuß auf das Gaspedal tippt. Start. Der Boxer-Motor heult los, die Kupplung greift zu, die Ente geht in die Knie und schießt nach vorn. Rechts sausen die roten Rennboxen vorbei, links die leeren Ränge. Und vorne lauert schon die erste Kurve.

Links, diese klapprige Tribüne – das ist noch ein Stück vom alten Nürburgring, von jener Piste, die seit 1927 die Rennfahrer reizt wie Wimbledon die Tenniscracks. Und rechts, die eleganten Betongaragen mit den grüngetönten Glasaufsätzen – das ist der wichtigste Teil des neuen Nürburgrings, jener Achtzig-Millionen-Mark-Arena, die wieder zum Wimbledon der Motorwelt werden soll. Sieben Jahre lang machten die Formel-1-Renner einen großen Bogen um den Ring in der Eifel. Die 22 Kilometer lange Berg- und Talbahn durch die Wälder rund um die Nürburg war für die pfeilschnellen Wagen zu gefährlich geworden.

Es herrschte Ruhe im Wald, herrlich. Doch was andernorts vielleicht Begeisterungsstürme ausgelöst hätte, brachte die Leute der Eifel fast um den Verstand. Sie kämpften wie besessen für ein neues lärmendes Karussel. Denn für sie ist die Rennstrecke in etwa das, was für die Dortmunder ein Stahlwerk und für die Hamburger eine Werft ist. Am 12. Mai nun wird der neue Ring eröffnet – er ist dann das modernste Motodrom der Welt.

Modern sind vor allem die Überlebenseinrichtungen. Motorsport ist ein Wettrennen mit dem Tod, und auf dem neuen Ring besitzt der Rennfahrer einen beruhigenden Vorsprung.

Mal angenommen, ich steuere die erste Kurve nach dem Start falsch an und sause mit der Ente und Vollgas links von der Piste. Dann habe ich ungefähr 100 Meter Zeit, den Wagen auf dem Rasen zum Sehen zu bringen. Erst dann kracht er in die gestaffelten Fangzäune. Überschlage ich mich, sollen die Rettungsfahrzeuge im Noll Komma nichts da sein: Schwenkbare Kameras haben jeden Winkel der Strecke im Blick. Mit Zoom-Objektiven holt sich die Leitstelle den verunglückten Flitzer in Großaufnahme auf den Bildschirm und setzt die Hilfsmannschaften in Marsch, die auf einem eigenen Straßensystem innerhalb des Rings zur Unfallstelle rasen. Von dort aus bringen sie mich blitzschnell zum Hubschrauber-Flugplatz in der Mitte der Arena; wenige Minuten nach dem Unfall könnte ich in einem Krankenhaus liegen.

Die Frage, wie man Tote verhindern kann, ist eine makabre Leitidee beim Bali einer Sportarena. Doch daß gerade der Nürburgring dem Prädikat "todsicher" hinterherrennt, ist nur zu verständlich. 176 Menschenleben hat er auf dem Gewissen; noch schlimmer, zuletzt verweigerte sich ihm die Elite der Rasenden.