ARD, Donnerstag, 26. April: "Arme Welt – Reiche Welt: Alt sein", von Hans Josef Dreckmann

Vielleicht ist es den Verantwortlichen gar nicht aufgegangen, aber der erste Film in der Reihe "Reiche Welt – Arme Welt" zeigte zwei Privilegierte – einen 85jährigen Bundesdeutschen, der geistig, körperlich und seelisch noch rüstig genug war, allein zu leben und seine ausreichend große Rente unter die Supermärkte und Kneipen zu bringen. Und als Gegenpartner einen 75jähngen Kenianer, der zwar keine Rente bezieht, aber in jungen Jahren genug Besitz erwerben konnte, um seine Großfamilie aufzuziehen und ihr in traditioneller "Alleinherrschaft" vorzustehen: Für den Titel des Streifens "Alt sein" keine repräsentativen Figuren, auch nicht für eine Serie über Nord-Süd-Probleme.

"Beobachtungen in Kenia und Deutschland" lautete der Untertitel, und Hans Josef Dieckmann hat mit der gebotenen Zurückhaltung beobachtet, gefragt und dargestellt, aus dem Schicksal zweier alter Männer keine Enthüllung gemacht, jeden peinlichen und überheblichen Ton vermieden, sogar das durchblicken lassen, was hier wie in Afrika verlorengeht: Respekt vor dem Alter.

Der Dreher Heimann aus Mülheim-Styrum ist materiell gut versorgt und im Alter ohne feste (Familien-)Bindungen; ihn treibt die Angst vor Einsamkeit und Langeweile zu erstaunlicher Aktivität. Der Lehrer Mukora aus Kenia empfindet dagegen das Alter als die schönste Zeit seines Lebens, ohne Sorgen, materiell und seelisch abgesichert im Schoße einer Großfamilie, die freilich – wie Dreckmann mehrmals betont – auch in Afrika nur noch auf dem Lande funktioniert, in den Städten rapide verschwindet.

Hier Gesellschaft, die mit ihren Alten wenig anzufangen weiß, dort Gemeinschaft, die sie schätzt – das war idealtypisch, aber nicht ganz realistisch. Versorgung gegen Geborgenheit – diese Botschaft kam sehr klar durch, das Prinzip wurde deutlich, aber die Beispiele waren falsch gewählt. Ich kenne Kenia nicht, wohl aber Altensiedlungen im Ruhrgebiet, und dort würde/wird jetzt vielleicht Gerhard Heimann glühend beneidet: Er hat Geld, Gesundheit und eine Familie in der Nähe, auch wenn er nicht bei ihr lebt. "Alt sein" in der Bundesrepublik ist ein Beträchtliches beschwerlicher, härter und gelegentlich grausamer als am Beispiel vorgeführt; in der Großstadt Nairobi dürfte es nicht viel anders sein.

Also ein handwerklich sauber gemachter Film, der unter der Weichenstellung der Serien-Ankündigung leiden mußte. Und weil das recht schnell feststand, kam die wirkliche Aussage zu kurz – die Selbstverständlichkeit, mit der sich die beiden alten Herren in ihre Umgebung einordneten. Ohne Stolz betrachtet sich Mukora als Mittelpunkt, ohne Wehleidigkeit grenzt sich Heimann aus: "Die Jungen wollen für sich sein." Mukora hockt in der Kneipe mit der Generation seiner Söhne zusammen, Heimann am Stammtisch Gleichaltriger. Für zwei, drei Minuten schimmerte das Problem durch – die Fraktionierung einer arbeitsteiligen Gesellschaft, die Menschen danach bemißt, ob sie noch nicht oder nicht mehr im Produktions-Prozeß stehen. Das hat nichts mit arm oder reich zu tun und nur bedingt mit Nord-Süd, weil der Norden in dieser Entwicklung dem Süden zweihundert Jahre voraus ist.

"Das Leben ändert sich rasend schnell", finden Mukoras Söhne, und mit dieser Änderung geht seltsamerweise Zeit verloren, wird alles hastiger, altersfeindlich. Gerd Heimann fürchtet die Abendstunden, Mukora genießt sie; der Deutsche will seinen drei Kindern nicht zur Last falen, der kenianische Mukora erwartet selbstverständliche Hilfe von seinen 24 Sprößlingen – und bekommt sie auch. Wer ist da arm und wer reich zu nennen?

Horst Bieber