Es geschieht jeden Tag. Einem todkranken, von unsäglichen Schmerzen gequälten Klinikpatienten wird der Rest des Sterbens erlassen. wie es zu geschehen hat, steht in keinem medizinischen Lehrbuch; das erfährt der Arzt erst von älteren Kollegen. Ob und wann es geschehen soll, entscheidet meistens nur ein einziger Mensch, der behandelnde Arzt, manchmal eine Krankenschwester, selten ein Konsilium aus Medizinern.

Man spricht nicht darüber. In dem Bereich, in dem Ethik und Recht nicht mehr konvergieren, scheint Schweigen geboten. Just das aber widerspricht den Grundregeln eines demokratischen Gemeinwesens, die niemandem zugestehen, nach eigenem Gutdünken über Leben und Tod zu entscheiden. Gerade wir Deutschen müssen öffentlich über Sterbehilfe reden, weil sie nicht immer nur Barmherzigkeit sein muß, sondern auch einem Irrtum entspringen, wenn nicht gar absichtlich mißbraucht werden kann.

Offene Diskussion über die Abkürzung des Sterbens findet in diesen Tagen besonders lebhaft statt. Der Anlaß allerdings ist bestürzend. Bild-Autor Julius Hackethal, seiner eigenen Definition nach "Chirurg im Nebenberuf" und vor einigen Jahren Hecht im Karpfenteich der Schulmedizin, hatte wohl befürchtet, in Vergessenheit zu geraten. Lange muß er auf einen passenden Fall gewartet haben, der sich zum publizistischen Comeback verwerten ließ.

Er ergab sich in der Person einer Patientin, deren Gesicht vom Hautkrebs und dreizehn Operationen entsetzlich entstellt war. Sie suchte die Klinik des Professors auf, erfuhr dort, daß ihre Lage hoffnungslos war und bat um den Gnadentod. Hackethal machte daraus ein Spektakel. Er ließ ein Kamerateam kommen, um sich im Gespräch mit der beklagenswerten Patientin fürs Fernsehen filmen zu lassen, verschaffte der Kranken Gift und benachrichtigte gleich nach ihrem gelungenen Selbstmord Polizei und Bild- Zeitung.

Diese Widerlichkeit konnte nur passieren, weil wir die Sterbehilfe in eine Grauzone verbannt haben. Was von dort her ans Tageslicht gezerrt wird, ist immer Sensation. Dem kann nur öffentliche Erörterung abhelfen. Daß sie in sensiblen Lebensbereichen zu einer gesetzlichen Ordnung führen kann, hat uns die Regelung des Schwangerschaftsabbruchs gelehrt. Als er noch im gesetzlichen Niemandsland angesiedelt war, entschieden sich häufig durchaus verantwortungsbewußte Ärzte dafür – und sprachen nicht darüber. Aber der zunehmende Mißbrauch dieses Operierens im Grenzbereich der Legalität machte schließlich seine gesetzliche Eingrenzung notwendig. Die läßt zwar noch viel zu wünschen übrig, aber sie hat bewirkt, daß zumindest die indizierte Abtreibung vom Ruch des Verbrecherischen und der Geschäftemacherei befreit worden ist.

Die Entscheidung eines Arztes darüber, ob das Leben eines todgeweihten Menschen mit allen Mitteln der ärztlichen Kunst verlängert oder gar vorzeitig beendet werden darf, war so lange duldbar, wie die menschliche Qualität des Ärztestandes Gewähr für dessen verantwortungsvolles Handeln bot. Solches Vertrauen ist spätestens seit der Zeit erschüttert, da sich erschreckend viele deutsche Ärzte für die "Ausmerzung unwerten Lebens" und für Menschenversuche an KZ-Häftlingen mißbrauchen ließen.

Wir können es uns nicht so einfach machen wie die ärztlichen Standesvertreter, die kategorisch behaupten, der Arzt habe nur die eine Pflicht, Leben zu erhalten. Allenfalls sei über sinnlose apparative Lebensverlängerung zu diskutieren. Die ist zwar ein Lieblingsthema der Illustrierten, kommt jedoch in Wahrheit äußerst selten vor. Der problematische Fall ist der lebensmüde, von Schmerz gepeinigte Mensch, der nicht sterben kann. Vielleicht muß er noch nicht sterben, wird er sogar genesen. Die verbreitete Vorstellung, daß Ärzte stets wüßten, ob jemand zu Tode erkrankt sei, ist irrig.