Von Josef Foschepoth

Nichts wird das deutsche Volk von der Einheit abbringen können", schrieb Premierminister Winston Churchill am 6. Juli 1953 vom Krankenlager aus an Lord Salisbury, den stellvertretenden britischen Außenminister. "Der Tatsache, daß es immer ‚ein deutsches Problem‘ und eine ‚preußische Gefahr‘ geben wird, müssen wir uns stellen. Ich bin der Meinung, daß ein vereintes, unabhängiges Deutschland kein Verbündeter der Sowjetunion werden würde. Dreierlei spricht dafür:

1. Der überlegene Charakter des deutschen Volkes ist nicht mit den knechtenden Bedingungen der kommunistischen Welt vereinbar;

2. haben sie in dem Schicksal der Ostzone ein lehrreiches Beispiel von durchschlagender Wirkung erhalten, und Millionen Menschen werden noch viele Jahre leben, um die Schrecken der kommunistischen Herrschaft, selbst von Deutschen an Deutschen begangen, bezeugen zu können;

3. sitzt der von Hitler gegen den Bolschewismus gelenkte Haß tief im Herzen der Deutschen."

Churchill hat im Jahre 1953 mehrmals über die Möglichkeit nachgedacht, Deutschland wiederzuvereinigen und zu neutralisieren. Das zeigen die britischen Regierungsakten aus jenem Jahr, die jetzt zum ersten Mal für die britische Forschung freigegeben wurden. Der Premierminister wollte, nach dem Tode Stalins im März 1953, mit der sowjetischen Führung wieder ins Gespräch kommen. Das Angebot, über eine Wiedervereinigung auf der Basis einer Neutralisierung Deutschlands zu verhandeln, sollte lediglich das Mittel sein. Eine dauerhafte Sicherung des Friedens in Europa war das Ziel. Dies, davon war Churchill überzeugt, konnte nur durch eine Anerkennung der berechtigten Sicherheitsinteressen der Sowjetunion geschehen. "Was von uns nicht vergessen werden darf – eine Tatsache, die die Sowjets hoffentlich immer zu würdigen wissen –, ist die Sicherheit Rußlands vor einer erneuten Hitlerischen Inva-

Churchills Idee war eine Rechnung mit mehreren Unbekannten. War der Kreml bereit, auf eine Entspannungsoffensive positiv zu reagieren? Dies setzte wiederum voraus, daß nicht nur Großbritannien, sondern der Westen insgesamt, allen voran die Vereinigten Staaten, ihr Verhältnis zu Moskau überprüften. Also mußte zunächst einmal Präsident Eisenhower für ein solches Unterfangen gewonnen werden. In Westeuropa drohte eine solche Initiative den sich mühsam hinschleppenden Einigungsprozeß zu gefährden, besonders die geplante Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Dies mußte Frankreich auf den Plan rufen und nicht zuletzt auf den energischen Widerstand Bundeskanzler Adenauers stoßen, der sich im Wahljahr 1953 alles andere als eine – jetzt sogar vom Westen ausgelöste – Wiederauflage der Neutralisierungsdebatte wünschen konnte.